Kira - Kapitel 1.2: "Ankommen"

Magister Mitras öffnete ihr die Tür. "Pünktlich. Gut.", sagte er knapp, ehe er die Tür ganz öffnete und sie in den Raum dahinter winkte. Kira seufzte innerlich erleichtert. Den ersten Test schien sie bestanden zu haben. Den guten Geistern sei Dank für ihr ganz passables Zeitgefühl und die Uhr in ihrem Zimmer. Sie schaute sich neugierig um. Der Raum hatte die Form eines L mit einem sehr dicken kurzen Balken zu ihrer Linken. Der Raum hatte die Länge des gesamten Hauses und bog dann bei der Tür, in der sie gerade stand, rechtwinklig ab. Kira vermutete, dass er links von ihr fast die Länge der Galerie hatte, über die sie eben zur Tür gegangen war. Sie drehte sich nach links und trat hinter ihrem Meister in diesen etwas kleineren der beiden Laborbereiche. Hier standen an der Wand zwei Schreibtische. Einer, der weitaus größere der beiden, war überladen mit Papieren und Notizen, zwischen denen einige Mineralien und Steine lagen, ebenso wie Federkiele und Tinte. Der andere war leer bis auf einige Blätter Papier und Schreibmaterial. Mitras war ihrem Blick gefolgt und wies auf den leeren Tisch: "Wenn Sie sich ausreichend eingearbeitet haben, wird dies Ihr Labortisch sein. Fürs Erste dürfen Sie den Raum aber nur in meiner Gegenwart betreten." Kira nickte und schaute weiter. Neben den Schreibtischen stand eine Säule, auf der ein roter Stein mit glatten Flächen lag. Kira vermutete, dass es ein besonders großer Mineral oder so war, der vermutlich so gewachsen war, wie er da lag, da er an seinem unteren Ende noch halb von gewöhnlichem Stein bedeckt war. Daneben stand ein hoher Schrank mit diversen kleinen Schubladen, die sauber beschriftet waren. Aus einigen schauten Büschel getrockneter Kräuter oder Flaschenhälse hervor. In der Ecke, die schräg gegenüber der Tür war, stand ein Steintisch, der auf der einen Hälfte eine Vertiefung wie eine Schüssel hatte. Der Boden war getäfelt und nach dem Tisch durch einen kleinen Teppich vom rechten, größeren Bereich des Raumes getrennt, der bis auf ein Fenster an der vorderen Wand hin zur Auffahrt vor dem Gebäude fensterlos war. Hier befanden sich neben einem auf den Boden gemalten Kreis, in dem eine abgedeckte Säule stand, diverse Gerätschaften, die golden und silbern glänzten, einige mit Kuppeln oder kugelförmigen Behältnissen aus Glas. Sie schaute Mitras fragend an, traute sich aber nicht, laut zu fragen. Da auf dem Boden stand vermutlich mehr Gold und Silber, als alle Menschen in Bispar jemals würden zusammentragen können. Sie kam sich in ihrem nachgemachtem Samtrock - echter Samt war zu teuer, selbst für Händler wie Kiras Eltern - ein bisschen schäbig gegen all diesen Reichtum vor. Mitras runzelte ein bisschen die Stirn. "Lektion Eins: Fragen Sie, wenn sie etwas wissen wollen. Sie sind zum Lernen hier, also müssen Sie Fragen stellen." Kira fühlte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. "Ja, Magister. Wozu dienen diese Geräte?" Er nickte, offenbar mit der Frage zufrieden. "Damit werden verschiedene magische Untersuchungen gemacht, etwa um magische Energie zu detektieren oder zu lenken. Sie sind äußerst empfindlich, also fassen Sie sie nicht an, ehe ich Sie nicht eingewiesen habe." Seine Schülerin nickte und hob die Hände, um anzuzeigen, dass sie nichts unerlaubt anfassen würde. "Nein, Magister. Ich werde nichts anfassen." Sie schaute sich nochmal um. So schnell würde sie vermutlich diesen Raum nicht mehr zu sehen bekommen. "Was ist das für ein Stein?", fragte sie und deutete auf den roten Stein, der im linken Teil des Raumes auf der Säule stand. Mitras schmunzelte ein bisschen, Kira glaubte, Stolz in seinem Blick zu sehen. "Den dürfen sie einmal anfassen. Aber vorsichtig!" Kira ging auf den Stein zu und hob die Hand. Ehe sie ihn berühren konnte, merkte sie bereits, dass eine starke, aber nicht unangenehme Wärme von ihm ausging. Vorsichtig fuhr sie in gebührendem Abstand mit der Hand über den Stein. "Er ist heiß.", sagte sie erstaunt. "Richtig. Das ist eigentlich eine Spielerei, aber sehr praktisch. Ich hab ihn verzaubert, nun gibt er seine Essenz über einen langen Zeitraum als Wärme ab. Etwa einen Winter lang wird er so heizen und uns von der fürchterlichen Kohle im Haus bewahren. Danach zerfällt er." Kira dachte einen Moment nach. "In meinem Zimmer steht auch so einer, oder? Nur der ist weiß." "Richtig. Man kann beinahe jedes Mineral nehmen, das ohne Kupfer oder Eisen ist. Nur das Ritual zur Aktivierung ist leider ziemlich aufwendig." Kira betrachtete die goldenen Apparaturen zu ihrer Rechten und rezitierte nachdenklich den Spruch, den ihr Bruder Harras beigebracht hatte:


"Suchst du Zauber, such nicht Kupfer, nicht Eisen,
denn sie werden die falschen Wege dir weisen.
Suchst du aber Silber oder Gold,
so ist die Gunst der Magie dir hold."

Mitras schaute sie prüfend von der Seite an. "Sehr gut. In der Tat spielt das Material, dass man nutzen will, eine große Rolle bei Verzauberungen und Ritualen. Woher kennen Sie den Spruch?" "Unser Dorfpriester...", murmelte Kira und schaute verlegen zur Seite. Sie hatte ja immer davon geträumt, ein magisches Talent zu haben, nicht heiraten zu müssen, sondern mehr von der Welt sehen zu dürfen, mehr lernen zu können. Deswegen hatte sie alles aufgesogen und auswendig gelernt, was Bruder Harras ihr über die magische Welt erzählt hatte, auch wenn er als Naturpriester natürlich eher den intuitiven Wegen der Magie zugewandt war. Aber vermutlich träumten alle kleinen Mädchen davon, mal große Magierinnen zu werden, oder? Sie hatte Glück gehabt, oder eben Pech, wenn man bedachte, was ihr "Talent" schon angerichtet hatte, aber im Nachhinein betrachtet kamen ihr ihre Träumereien recht albern vor. Mitras schien sich nicht weiter darum zu kümmern, er ging stattdessen zur Tür des Labors und hielt sie ihr auffordernd auf.

Im Flur blieb er stehen, wartete, bis sie zu ihm herausgetreten war und deutete dann den Gang hinunter. "Zur linken haben wir hier drei Gästezimmer, das hinterste ist ja nun Ihres. Die Treppe rechts führt nach oben, dort sind Williams Zimmer. Rechts die erste Tür führt zu meinen Gemächern und die letzte Tür auf der rechten Seite ist die Bibliothekstür." "Darf ich die Bibliothek auch nutzen?", fragte Kira gespannt. Eine Magierbibliothek, da gab es bestimmt viele tolle Bücher. Mitras dachte kurz nach und musterte sie dabei nachdenklich. "Ja, warum eigentlich nicht? Aber nehmen Sie keine Bücher heraus, alles muss ordentlich bleiben." Kira nickte. Der Magier wies mit der Hand die Treppe, an deren Ansatz sie standen, herunter. "Gehen Sie schon mal voraus, ich folge gleich." Er schloss die Tür zum Labor ab und folgte ihr dann die Treppe herunter in den großen Vorraum mit den gemusterten Fliesen. Am Ende der Treppe öffnete er die Tür zu seiner Linken und winkte sie in einen großen Salon. Er wirkte auf Kira beinahe länger als das Labor oben, was aber vermutlich daran lag, dass die hintere, von der Straße abgewandte Wand fehlte und durch einige Säulen ersetzt war. Dahinter begann ein heller Wintergarten. Die der Tür gegenüberliegende Wand war fensterlos und mit denselben elektrischen Kerzen ausgestattet, die auch im Flur hingen. Zwischen Ihnen hing ein großes Gemälde von einer Berglandschaft. In der Mitte des Raumes stand eine lange, leicht ovale Tafel, an der etwa 10 Personen sitzen konnten. Im restlichen Raum gab es verteilt einige Sessel und Tische, die zu kleinen Sitzgruppen zusammengestellt waren, und auch wieder Säulen mit verschiedenen Heizsteinen. Mitras führte sie durch den Raum in den Wintergarten. Seine rechte Wand war gemauert, durch die verglaste Front sah Kira auch, dass sich diese Wand auch in den verschneiten Garten dahinter fortsetzte. Die Glasfront bog sich als Halbrund in den Garten hinein und schloss an der Ecke wieder an die Hauswand an. Der Raum beinhaltete 4 Beete, zwei etwas breitere an den Seiten, ein schmales, dass sich an der gesamten Front hinzog und ein halbmondförmiges in der Mitte des Raumes, in dessen Rundung eine Bank angebracht war. Davor stand einer kleiner, metallener Tisch und ein bequemer Sessel. Die Beete waren bis auf das, dass an der Wand des Hauses links lag, offenbar den Jahreszeiten gewidmet: An der langen Front sah Kira zarte Pastelltöne und Frühlingsblumen, rechts von ihr hingegen leuchteten Astern und Büsche mit buntem Laub zwischen hohen, auffälligen Gräsern. In der Mitte hingegen gab es sattes Grün und leuchtend bunte Blüten von verschiedenen Orchideen. Das Beet an der Hauswand hingegen schien den trockenen Gebieten Gäas gewidmet zu sein: Zwischen kunstvoll drapierten Steinen und Mineralien wuchsen diverse Kakteen und ein kleiner Olivenbaum. Vielleicht auch eine besondere Anspielung an die Hochlandgegenden, die den Kern Albions bildeten, aber oft nur an den Anstiegen der Gebirgsketten ausreichend mit Wasser versorgt waren. Nur eine üppige Bougainvillia setze in dem Beet einen farblichen Akzent. Kira trat vorsichtig auf sie zu und betrachtet die bunten, pinken Blätter aus der Nähe. "Eine lebende Bougainvillia. So etwas habe ich bisher nur in Büchern gesehen. Sie sind schwierig zu bekommen, oder?" Mitras zuckte mit den Schultern. "Ich habe sie geschenkt bekommen." Kira beugte sich noch etwas näher an den Busch heran. "Wie winzig die echten Blüten sind.", sagte sie und stupste einen der kleinen weißen Kelche an. Mitras räusperte sich. Er stand bereits wieder im Durchgang zum Salon. "Wollen wir?" "Oh, äh, ja, klar." Rasch folgte Kira ihm, aber nicht ohne den Blick nochmal über den Raum streifen zu lassen. "Darf ich hierher zurückkommen?" "Meinetwegen." Er öffnete eine Tür, die gleich neben den Säulen zurück ins Haus führte. Dahinter lag eine große Küche, in der ein mittelgroßer Mann mit schwarzen Locken gerade Gemüse in einen Topf gab. Er drehte sich kurz zu ihnen um, lies aber dabei den Topf nicht aus den Augen. "Kira, dass ist mein Koch William. William, dass ist meine neue Schülerin Kira Silva." Über das Gesicht des Mannes ging ein freundliches Strahlen. "Hallo, willkommen in meinem Reich! Hier gibt es alles, was der Magen begehrt!" Er machte eine ausladende Handbewegung mit der freien Hand. "Ha! Wir haben jede Feinheit, die die edle Dame begehrt.", sagte er mit der Stimme eines Markthändlers, der seine Waren anpries. "Hallo.", sagte Kira verschüchtert. Die Küche war bis auf den Herd eine recht normale Küche, mit verschiedenen Schränken und Arbeitsplatten. Im hinteren Teil des Raumes gab es einen Treppenabgang nach unten, was man an einem Geländer erkennen konnte, an dem diverse Handtücher hingen, und eine Tür in den Nebenraum. Der Herd allerdings war seltsam: statt auf Flammen stand der Topf, in dem es eindeutig brutzelte, auf einer runden Platte aus Metall. Mitras nickte William zu und schaute dann zu Kira. "Es gibt Frühstück und Abendessen. Wenn Sie tagsüber etwas essen wollen, können Sie sich hier oder in der Speisekammer", er deutete auf den Abgang, "bedienen, aber sprechen Sie sich nach Möglichkeit mit William ab. Nicht, dass plötzlich etwas für eine seiner köstlichen Pasteten fehlt." Wieder nickte Kira mechanisch. Sie hatte das Gefühl, eine ewig lange Wanderung gemacht zu haben - was ja eigentlich auch stimmte. Mitras beachtete sie gar nicht weiter und ging schon durch eine Tür zur Linken, die neben der Treppe in den Vorraum des Hauses mündete. "Da geht es zum Keller." sagte er mit einer Handbewegung zu einer Tür unter dem Treppenaufgang. Mit einer zweiten Bewegung wies er auf zwei schmalere Türen an der Wand gegenüber: "Und dort sind Toiletten, für Männer und Frauen getrennt." Er ging an der Wand, aus der sie gerade getreten waren, entlang in einen Flur, der wohl parallel zum Flur über ihnen lag. Auch hier gab es einen rostroten Teppich und die grauen, leicht strukturierten Tapeten. Auch hier hingen einige Herbst- und Winterbilder an der Wand zu ihrer Rechten. Die linke Wand war mit einem sehr großen Gemälde einer Seeschlacht verziert, mit schweren, eisernen Kriegsschiffen und glühenden Feuern als Kontrast. Das Bild überraschte Kira, es war viel gewaltvoller als alles, was sie bisher im Haus gesehen hatte, außerdem passte das Motiv nicht so recht zu dem friedlichen, sonnendurchschienen Wald, der in Tupftechnik auf dem Bild an der rechten Wand hing. Es muss ein Vermögen gekostet haben, dachte Kira, so groß. Was für eine Schlacht es wohl darstellte? Sie suchte nach Abzeichen und Wappen, die einen Hinweis geben konnten, aber es war draußen bereits völlig dunkel und das Licht der elektrischen Kerzen erhellte den Flur nicht genug. Mitras, der ohne sich umzusehen voraus gegangen war, öffnete nach einigen Metern die einzige Tür links im Flur und schaute sie auffordernd an, ehe er den Raum dahinter betrat. Kira folgte ihm, blieb dann aber verblüfft in der Türöffnung stehen. Vor ihr öffnete sich ein großes Bad. In der Mitte war ein großes, jetzt leeres Becken, umgeben von einer schmalen Bank, auf der eine Seifenschale und ein Schwamm lagen. An der rechten Seite gab es einige Vorhänge, die nun zurückgezogen waren, und normalerweise wohl einen Bereich mit einem kleinen Waschzuber und eine Umkleide verdeckten. An der linken Seite gab es ebensolche Türen wie im Vorraum, vermutlich waren die Toiletten von beiden Seiten betretbar. An der Wand ihr gegenüber war ein Fenster hinter zugezogenen Vorhängen und zwischen ihnen der größte Spiegel, den Kira je gesehen hatte - polierte Metallspiegel mit eingeschlossen, und dieser war sogar aus Glas. Verblüfft betrachtete Kira sich eine Weile selber, der schwarze Rock schwang um ihre Beine und die Haare lösten sich schon langsam wieder aus der Spange. "Sie können jederzeit hier baden, sagen Sie einfach Abigail Bescheid.", sagte Mitras, was sie zusammenzucken lies. "Ja, aber... werde ich dann nicht Sie stören?", fragte sie. Er schüttelte den Kopf. "Abigail weiß schon, wann ich das Bad nutzen will, und wird es Ihnen sagen." Er kam auf sie zu, und Kira wich in den Flur zurück, so dass er die Tür hinter ihnen schließen konnte. "Am Ende des Ganges ist nur eine Abstellkammer, fragen sie Abigail, wenn sie etwas daraus brauchen. Und hier, " er öffnete dabei die Tür gegenüber vom Bad, "ist unser Esszimmer."

Die beiden betraten ein kleines, gemütliches Zimmer, in dem neben einer Kommode an der rechten Wand ein Esstisch für sechs Personen stand, der nun gerade von William und Abigail gedeckt wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite öffneten eine Glastür und ein großes Fenster einen Blick auf den verschneiten, aber nun im Dunklen liegenden Garten. An der linken Wand waren wieder Kerzenlampen angebracht, und zwischen ihnen das Bild einer kleinen Familie in einem sommerlichen Garten, die Mutter saß mit einer kleinen Tochter auf einer Schaukel im Vordergrund, vom Betrachter abgewandt, und im Hintergrund spielte der Vater mit einem Kind, vermutlich seinem Sohn, wenn man dem Kitsch ganz folgen würde. Obwohl es eindeutig eine sehr klischeehafte Szene war, verbreitete das Bild eine Art heitere Gelassenheit, die in den ganzen Raum ausstrahlte. Kira fiel trotz ihrer Müdigkeit auf, dass die Hortensien aus dem Bild sich auf der gegenüberliegenden Kommode wiederfanden, als gemalte Zirate auf den Schulladen und als angedeutete Formen in den Griffen. Nichts in diesem Haus, dachte sie, ist zufällig. Alles ist durchgeplant, aber es ist nicht kalt, sondern wunderschön. Mitras trat an den Tisch, zog einen Stuhl zurück und forderte sie mit einer Geste auf, sich zu setzen, eine Aufforderung, der Kira nur zu gerne nachkam. William brachte gerade aus der Tür an der Seite neben der Kommode, die vermutlich zur Küche führte, einen letzte Schüssel, Abigail saß bereits auf dem Stuhl schräg gegenüber von Kira.

In diesem Moment ging die Tür zum Garten auf und brachte einen eisigen Hauch frische Luft mit sich. Durch die Tür trat ein etwas rundlicher Mann, der etwas kleiner als William, aber größer als Abigail war. Er trug feste Schuhe, die er nun ausklopfte und in eine dafür bereitstehende, viereckige Schale neben der Tür stellte, eine Arbeitshose und eine Arbeitsjacke. "Hmmm, das riecht aber nach Festtag hier!", rief er, während er die Jacke auszog und an einen Kleiderhaken neben der Kommode hing. Er ging zu Abigail, beugte sich über sie und küsste sie flüchtig auf den Mund, ehe er sich zu Mitras, der sich links neben Kira gesetzt hatte, umdrehte und eine kleine Verbeugung andeutete. Mitras schunzelte ein wenig. "Kira, darf ich dir Tobey vorstellen? Er kümmert sich um alles, was am Haus und Garten getan werden muss, und wie du vielleicht schon vermutest, auch darum, dass unsere gute Abigail nie unzufrieden wird." Abigail grinste breit. Tobey verbeugte sich etwas tiefer vor Kira als er es bei Mitras getan hatte. "Ahhh, also ist unser Überraschungsgast endlich angekommen. Vielen Dank, junge Dame, dass ihr hier seid, so gutes Essen gibt es nicht alle Tage." Dabei klopfte er an eine der Schüsseln, in denen wohl ein Gulasch war, und zwinkerte ihr vielsagend zu. Trotz ihrer Müdigkeit und Scheu musste Kira kichern. Tobey hatte irgendwie etwas von Bruder Harras, so erdig und witzig. Sie spürte, dass sie ihn mochte. "Ich freue mich sehr, hier sein zu dürfen.", sagte sie, und lächelte ihn und Abigail an, die ihr Lächeln erwiderten. "Na, dann soll es auch nicht kalt werden, das gute Essen.", eröffnete William, und begann, sich und Mitras die Teller zu füllen. An der gegenüberliegenden Seite füllte Abigail erst Tobey, dann sich auf und reichte die Kelle an Kira. "Nimm dir, was du magst und wie viel du magst, ja? Nicht, dass du uns hier irgendwann vom Fleisch fällst, so zart, wie du bist." Kira nahm den Löffel und lief ein kleines bisschen rot an. So dünn bin ich gar nicht, dachte sie. Allerdings hatte sie tatsächlich schon wieder Hunger, die Sandwiches von vorhin schienen nur kaum die erste Not gestillt zu haben. Also füllte sie sich auf und staunte, was es alles gab: Da war das Gulasch, mit großen Stücken Fleisch darin, Kartoffeln mit Petersilie, Rotkohl mit Äpfeln, kleine Stücke von Blätterteig, gefüllt mit einer Art von Pastete - Kira bewunderte besonders die Lilien, die oben in den Teig gestochen waren und durch die man die Füllung sehen konnte - und Birnen mit Kompott. In einem Korb waren dicke Scheiben Weißbrot und einige, etwas dünnere Scheiben eines Graubrotes mit einer zerklüfteten Kruste. Eine Weile war um den Tisch herum nichts zu hören als das geschäftige Klappern von Geschirr, das Kauen und seliges Seufzen von Tobey, als er sich schließlich in seinem Stuhl zurücklehnte und sich über den nun noch etwas runderen Bauch strich. "William, du bist wirklich ein Gott in der Küche." William, der links neben Mitras saß, schmunzelte und erwiderte: "Na, stets zu Diensten, Tobey, stets zu Diensten." Alle am Tisch lächelten, als sei das etwas, was die beiden jeden Abend zueinander sagten, eine Art Familienritual. Kira beugte sich etwas tiefer über ihren Teller, um die Tränen zu verbergen, die sich ein wenig in ihre Augenwinkel geschlichen hatten. Sie würde ihre Familie lange nicht mehr wiedersehen. Und auch wenn ihre Eltern sie ja nun schneller loswerden wollten als die Reste aus dem Abtritt, sie vermisste ihre Brüder ein wenig. Adrian war nicht da gewesen, als dieser ganze Unfall passiert war. Was er wohl sagen würde, wenn er es erzählt bekam? Ob er auch glauben würde, was der Idiot Johann allen erzählt hatte, dass sie ihn einfach angegriffen habe? Ihr ältester Bruder hatte eigentlich immer für sie eingestanden, und Kira verehrte ihn zutiefst. Sie schaute vorsichtig hoch. Abigail hatte ebenfalls aufgehört zu essen und beugte sich gerade zu Tobey, um seinen Teller einzusammeln. Dieser nutze die Gelegenheit, sie auf den Hinterkopf zu küssen und über ihren Rücken zu streichen. Kira fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Neugierde und Verblüffung. Sie hatte noch nie gesehen, dass Erwachsene ihre Zuneigung derart öffentlich zur Schau stellten. Sie schaute zu Mitras, doch der war völlig in sein Essen vertieft und schien sich an dem Verhalten seiner Bediensteten kein bisschen zu stören. Stattdessen angelte er sich eine weitere Kartoffel aus der Schüssel und wischte damit ziemlich elegant den Rest der Gulaschsoße auf. Wie eine Familie, dachte Kira, nicht wie ein Meister mit Angestellten. Vielleicht eine neue Familie für mich? Es fühlte sich fast wie ein Keim von Hoffnung an, aber sie traute sich nicht, es ganz zu hoffen. Meistens führt Hoffnung eh nur dazu, das man enttäuscht wird. Alles in diesem Haus war seltsam, wundervoll, magisch und so gut... bestimmt würde sie morgen im Heuschuber von Bruder Harras aufwachen und feststellen, dass alles nur ein Traum gewesen war.

"Wo kommst du denn eigentlich her?" Kira schreckte aus ihren Gedanken auf und schaute Abigail an, die sich ein Glas Wein eingeschenkt hatte und sie erwartungsvoll anschaute. "Äh... aus Bispar." "Bispar?" Abigail runzelte die Stirn. "Nie gehört..." "Da hast du nichts verpasst.", murmelte Kira leise, doch wohl nicht leise genug, denn sie hörte, wie Mitras neben ihr ein kleines, amüsiertes Schnauben von sich gab. "Es liegt bei Lührenburg.", sagte sie lauter. "Ah, Richtung Küste. Hast du das Meer schonmal gesehen?", setze Abigail das Gespräch fort. "Ja, einmal." Kira schwieg und legte das Besteck sorgfältig auf dem Teller ab, Messer und Gabel nebeneinander, so wie man es macht, wenn man nicht mehr essen mag. Adrian hatte sie einmal dort mit hingenommen. Man musste ihr ansehen, dass die Erinnerung sie gerade nicht besonders glücklich machte, denn Abigail überging ihre einsilbige Antwort und fragte gleich weiter: "Also ist das ein kleines Dorf, ja, Bispar? Und deine Eltern, was machen die?" "Sie handeln, meistens mit Lebensmitteln oder was man sonst so braucht und auch mit dem Schmuck aus Granit, der in der Gegend gemacht wird, oder sowas...." Kira zog die Muschelkette, die sie immer trug, aus ihrem Ausschnitt und zeigte sie Abigail und Tobey, die sich beide interessiert nach vorne beugten. "Oh, wie hübsch!", kommentierte Abigail begeistert. "Das habe ich auch hier schonmal in einem Laden gesehen. Die Muscheln werden von Hand zu solchen Scheiben geschliffen, oder?" Kira zuckte mit den Schultern. "Ich glaube schon, ich hab nie einen Handwerker dabei gesehen, immer nur, wenn sie fertig waren..." Sie spürte, wie müde sie war. Diese andere Welt, dieses Bispar, wirkte so weit weg nach diesem Tag und den ganzen Eindrücken. Mühsam unterdrückte sie ein Gähnen. "Ich glaube, unser Gast kann dir später noch genug vom platten, so wahnsinnig interessanten Landleben erzählen.", sagte Mitras und wandte sích mit einem kleinen Lächeln an Kira. "Jetzt sollten Sie besser schlafen gehen." Kira nickte. Nun, da sie endlich ganz satt war, stieg die Müdigkeit immer schneller in ihr auf. Sie stand auf, nahm ihren Teller und sammelte ihr Besteck ein. "Lass stehen, Kindchen." Abigail griff über den Tisch nach ihrem Arm und drückte ihn leicht wieder herunter. "William und Tobey machen das gleich. Ich bringe dich jetzt erst mal nach oben. Mitras hat Recht, du schläfst uns ja sonst noch halb auf der Treppe ein." Kira lies den Teller los. "Aber..." "Kein Aber." Mitras blickte sie an, und Kira hatte fast das Gefühl, ihr Herz würde ihr wieder in die Hose rutschen wie bei ihrer ersten Begegnung, so streng war sein Blick. Abigail stand auf, ging um den Tisch, rückte ihren Stuhl ab und führte sie aus dem Raum, was Kira ohne weiteren Protest über sich ergehen ließ. Erst in der Tür hatte sie sich so weit wieder gesammelt, dass sie ein "Gute Nacht!" über die Schulter rufen konnte, was von drinnen von den Männern freundlich erwidert wurde. Kira hörte nur Mitras Stimme und stellte erleichtert fest, dass er nicht böse zu sein schien. So schnell das Gefühl der Dominanz und Verärgerung gekommen war, so schnell war es auch wieder aus seiner Haltung und Stimme verschwunden, und Kira seufzte erleichtert, während Abigail sie durch den Flur zur Treppe führte. Oben in ihrem Zimmer angekommen ließ sie sich aufs Bett fallen. "Du musst dich ausziehen, Kindchen, sonst schläfst du schlecht.", sagte Abigail, als sie den Raum verließ. Kira nickte mit geschlossenen Augen, kämpfte sich dann aber nochmal hoch und begann, sich auszuziehen. Trotz des Winters heizte der Stein am Schreibtisch den Raum gut. Einen Schlafanzug brauche ich wohl nicht, dachte sie, also warf sie ihre Kleidung einfach auf den Boden und kroch rasch unter die dicke, flauschige Decke, die auf ihrem Bett lag. Und ehe sie noch über irgendetwas nachdenken konnte, schlief sie bereits.

"Na, was hältst du von der Kleinen? Wirst du sie ausbilden können?", fragte William während er den Tisch abräumte. "Sie ist kein totaler Reinfall,“ gab Mitras zu. „Als es hieß, dass meine erste Schülerin ein Mädchen vom Land sein würde, dachte ich, dass mir jemand - vermutlich Thadeus - ein faules Landei unterschieben wollte, um meinen Ruf zu schädigen und vielleicht war das sogar die Absicht. Aber ihre Prüfung hat ein exzellentes Talent aufgezeigt und sie weiß deutlich mehr, als man ihr zutraut. Aber verdammt noch eins, sie ist immer noch ein naives Kind, lässt sich von jeder schönen Blume ablenken." "Ha, ein gefundenes Fressen also wohl für die 'feine Gesellschaft'. Das Pack wird sie in Stücke reißen, wenn du nicht auf sie aufpasst. So verschüchtert wie sie jetzt noch ist, werden sie wohl wie die Haie über eine blutende Robbe herfallen.", sagte William mahnend. "Ja, das könnte in der Tat ein Problem werden, nichts bei ihr zu Haus kann sie auf Uldum und den Sumpf aus Intrigen, Lügen und Verrat hier vorbereiten." "Ha! Jetzt tu nicht so, als wenn du dieses Spiel nicht selber spielen würdest. Wir beide wissen doch wohl, dass du deinen Reichtum nicht nur deiner Fähigkeit als Magier verdankst.", warf William ihm zwinkernd an den Kopf. Er war ihm stets treu geblieben, auch als Mitras sich plötzlich mitten in der Gesellschaft wieder fand, über welche die beiden sich früher immer lustig gemacht hatten. Sein alter Kindheitsfreund hatte ihn stets unterstützt, sehr zum Missfallen seiner Eltern. Ein Sohn aus gutem Hause der Hauptstadt mit einem Bengel aus dem fahrenden Volk. Was dachte sich der Junge nur! Aber Mitras dachte nie auch nur daran, sich von William abzuwenden. Und letztendlich war aus dem schlaksigen Burschen mit zu vielen Locken und zu vielen Flausen im Kopf ein überragender Koch geworden. Es war nur logisch, ihn anzustellen, nur ahnte keiner, dass William noch ganz andere Talente hatte, als den perfekten Rehrücken zuzubereiten. Ohne ihn wäre Mitras niemals in den Besitz des Buches gekommen, dem er all das hier verdankte. Und seinem Freund genügte es weiter kochen zu können und sich immer weiter zu verbessern. Mitras empfing nur selten Gäste, aber alle schwärmten im nachhinein vom Essen, das serviert wurde.

Abigail kam wieder herein, nachdem sie die Schülerin zu Bett gebracht hatte. "Tobey ist bereits drüben, Abby.“, informierte Mitras sie. „Ich werde nun noch ein Bad nehmen, aber das bekomme ich auch alleine hin. Oh, und ich habe eine Bitte an dich. Die Kleine weiß sich zu kleiden, aber das, was sie hat, genügt für die Hauptstadt nicht. Ich möchte, dass du sie morgen mit in die Stadt nimmst und dafür sorgst, dass sie etwas standesgemäßes zum Anziehen bekommt. Sie braucht eine Magierrobe für zeremonielle Anlässe, ein paar Freizeit Garnituren und ein paar Kleider für offizielle Anlässe. Du weißt besser als ich, was sie brauchen wird, sei nicht sparsam." "Aber natürlich nicht! Oh, sie wird gar nicht wissen, wie ihr geschieht!“, gluckste die Haushälterin fröhlich. Sie war bei der Aussicht, Kira mit Geschenken zu überhäufen, sichtlich amüsiert. Tobey und sie waren nahezu mittellos gewesen und kurz davor auf der Straße zu landen, als er die beiden als seine Diener aufgenommen hatte und dafür waren sie ihm ebenso wie für die gute Behandlung unendlich dankbar. Ihre nun deutlich bessere Lage verdankten sie aber tatsächlich William. Er war es, der sie ausgewählt und beobachtet hatte. Sie waren gute Menschen mit einer großen Menge Pech, aber ehrlich und anständig und vor allem loyal. Mitras wusste, dass er sich auf die beiden nun genauso verlassen konnte, wie auf William auch. Abigail war ursprünglich eine begabte Schneiderin und Ausstatterin und hatte ein gutes Gespür für Mode. Doch dann geriet sie ins Visier einer Adligen, der es missfallen hatte, dass eine ihrer nichtadeligen Gäste ein schöneres Kleid als sie selbst trug. Und da sie der Dame nichts anhaben konnte, war sie doch bei der Händlerfamilie, deren Tochter Ziel ihres Neides war, hoch verschuldet, zielte sie stattdessen auf die Schneiderin ab. Und in kürzester Zeit war Abigail komplett ruiniert, was Ihrer Leidenschaft für schöne Kleidung jedoch, den Geistern sei Dank, keinen Abbruch getan hatte. Sie hatte ihn nun schon oft stilsicher beraten und er wusste Kira bei ihr in besten Händen. Jedenfalls musste er sich keine Sorgen machen, dass sie aufgrund von schlechter Kleidung negativ auffiel. Auch in Sachen Etikette war Abigail sehr bewandert und er wusste, dass sie dafür sorgen würde, dass das Mädchen alles nötige wissen würde, bevor es ins 'Haifischbecken' ging.

"Ich wünsche dann eine gute Nacht." , sagte sie und verließ das Haus. "Gut, William, wie gesagt, ich nehme noch ein Bad, ehe ich mit der Meditation beginne. Morgen früh werde ich mich um den Generator kümmern müssen, für mich also ein etwas kräftigeres Frühstück, bitte. Ich denke mal, dass ich unseren neusten Zuwachs um Neun hier antreffen werde. Abby soll sie nicht vorher wecken, die nächsten Wochen werden anstrengend genug für sie." "Du wirst sie doch wohl hoffentlich nicht genauso schinden wie dieser elendige Thadeus dich, oder?" Williams Blick wirkte schon fast vorwurfsvoll. "Thadeus ist ein elendiger Menschenschinder, der sich am Leid anderer ergötzt. Also nein, so hart werde ich es ihr nicht machen. Ich werde es ihr aber auch nicht leicht machen, dafür hängt auch zu viel für mich davon ab. Und noch ist unklar, ob sie wirklich charakterlich geeignet ist. Sie hat als erste magische Handlung einem Schulkameraden die Hände so verdreht, dass ein zweitägiges Ritual nötig war, um ihn halbwegs wieder arbeitsfähig zu machen. Ich will, dass sie wegen meiner Ausbildung zu einer Magierin wird und nicht trotz ihr. Es soll sich ruhig rumsprechen, dass ich ein besserer Lehrmeister bin, als Thadeus es war." "Na, wenn du meinst. Im Moment wirkt sie doch wohl sehr eingeschüchtert und überhaupt nicht grausam. Pass also auf, dass du sie nicht zu hart rannimmst." "Ja, William-Papi, ich werde mich bemühen.“ Mitras zwinkerte ihm amüsiert und genervt zugleich zu. „Aber jetzt wartet die Wanne auf mich."

Mitras stand auf und ging nach oben in sein Zimmer, um sich noch ein paar Sachen zu holen. Er griff sich eine einfache weiche Stoffhose, ein paar Pantoffeln und seinen Morgenmantel. Das würde für den Rückweg nach dem Bad reichen. Als er sich zur Tür herum drehte, blieb sein Blick am Spiegel seines Waschtisches hängen. Dieser war verzaubert und zeigte ihm - und nur ihm - einen Blick aus den anderen Spiegeln des Hauses. Neugierig geworden murmelte er die Formel, um den Spiegel zu aktivieren und zeichnete die entsprechende Rune für Kiras Zimmer auf die Stelle am Rahmen, die dafür vorgesehen war.

Diese Form der Hausüberwachung war sehr ins Geld gegangen, da nur Spiegel mit einem Silberrücken dafür in Frage kamen. Diese noch neuen und teuren Spiegel gaben ein viel besseres Bild, als die mit alten Techniken hergestellten, die zum Beispiel Zinn verwendeten. Zinn blockte zwar die magische Energie nicht so wie Kupfer ab, aber es war deutlich schwerer zu verzaubern als Silber und für einen derart aufwendigen Zauber ungeeignet.

Nun blickte er in ihr Zimmer, wie er es schon bei vielen seiner Gäste zuvor getan hatte. Er wusste auch gar nicht so genau, wieso er das eigentlich tat, aber als der Spiegel in sein Blickfeld geraten war, überkam ihn eine unstillbare Neugier. Vielleicht war es auch ein wenig die Gewöhnung an die paranoide Überwachung, mit der er sich in der letzten Zeit schon erfolgreich gegen einige spionierende Gäste gewehrt hatte. Auch wenn der Raum dunkel war, zeigte der Spiegel ihn immer, als wäre er taghell erleuchtet. Und so konnte er einen guten Blick auf sie werfen, wie sie in ihre Decke eingewickelt in ihrem Bett lag. Sie musste sofort schlafen gegangen sein, nachdem Abigail sie hoch gebracht hatte, denn so lange war das noch nicht her. Er nahm sich die Zeit, sie nun einmal ausführlich zu betrachten. Ihr Gesicht war ihm zugewandt. Mitras betrachtete es eine Weile, so gut es aus der Entfernung des Spiegels ging, und stellte fest, dass es angenehm symmetrisch war. Kleine Strähnen ihres rotbraunen Haares ringelten sich verschmitzt bis an ihren leicht geöffneten Mund. Ihr Körper war komplett unter der Decke verschwunden. Er merkte, dass ihn dies störte, auch wenn er nicht sagen konnte, warum. Sie war eigentlich viel zu jung für ihn, aber wie er ihr so ins Gesicht sah, merkte er, dass sie doch etwas Faszinierendes an sich hatte.

Er riss sich vom Spiegel los und deaktivierte ihn. Was war nur in ihn gefahren! Auch wenn sie schon deutlich mehr Frau als Kind war, so war sie immer noch seine Schülerin und sowieso viel zu jung für ihn. Sie würde ihn sicherlich auch nicht attraktiv finden. Er durfte sich nicht zu sehr ablenken lassen, nur weil ein Teil von ihm fand, dass sie doch ein sehr schönes Gesicht habe. Er nahm seine Wechselsachen wieder auf, ging schnell runter ins Bad, entkleidete sich, ließ warmes Wasser in das Becken ein und gab ein Schaumbad hinzu. Dann wandte er sich dem Eimer mit der Schöpfkelle zu und kippte ihn sich gleich ganz über den Kopf. Das kalte Wasser half ihm, wieder zu klaren Gedanken zu kommen.

Er ließ sich in die Wanne gleiten und spürte die Wärme in seine Glieder steigen. Seit Wochen nun trat er auf der Stelle. Das Elektrum hatte sich als perfekter Kern für den Generator erwiesen. Es konnte einen Telekinese Zauber aufnehmen und bewahren, auch wenn es sich innerhalb der Kupferspule befand. Das allein war schon ein gewaltiger Durchbruch gewesen. Nun galt es einen Zauber zu erfinden, der den Kern möglichst lange in Bewegung halten konnte, um so elektrische Energie zu erzeugen. Immerhin zwei Tage reichte die Magie derzeit aus, aber dann musste er einen vorbereiteten neuen Kern in den Generator einsetzen und den alten komplett magisch erden. Beides war aufwendig und würde ihn die ganze Nacht kosten. Erst galt es in tiefer Meditation magische Energie zu sammeln und diese dann auf den Kern zu übertragen. Dann musste er den Wechsel durchführen. Der Kondensator ließ ihn fünf Minuten Zeit, was mehr als genug war, um den alten Zylinder zu ziehen und den neuen einzusetzen und dem Zauber seinen Lauf zu lassen. Zum erden musste der alte Zylinder dann noch ein paar Stunden in einem Eisenkäfig liegen.

Die ganze Prozedur ging komplett spurlos an dem Material vorbei. Er konnte die Zylinder praktisch beliebig oft wiederverwenden. An ihm selbst ging das Ganze aber überhaupt nicht spurlos vorbei. So viel Magie zu kanalisieren war ziemlich anstrengend, vom Schlafmangel ganz zu schweigen. Dem üppigen Frühstück würde bald ein kräftiges Mittagessen folgen müssen. Dann konnte er sich wieder seinen Studien widmen und weiter versuchen, die Wirkung des Zaubers zu verlängern oder Wege finden wie das Elektrum mehr Magie aufnehmen konnte. Tagsüber traute er sich nicht, den Wechsel vorzunehmen - zu lang dauerte die Meditation, bei der er ungestört sein musste und zu groß war seine Sorge, jemand könnte hinter die Geheimnisse des Generators gelangen.

Er experimentierte immer wieder mit unterschiedlichen Zylindergrößen herum, aber das jetzige Format schien das beste Potential zu bieten. Blieb also nur der Zauber. Zwei Tage ließ sich die Bewegung halten, danach wurde sie instabil und der Zylinder begann sich in andere Richtungen als die gewünschte zu bewegen, was den ganzen Generator zerstören konnte. Nun studierte er gängige Werke der Temporalmagie und der Telekinese, um einen Langzeitzauber zu erfinden.

Er ging noch eine Weile seinen Gedanken nach. Kira hatte ihn effektiv einen halben Tag gekostet. Aber die nächsten Wochen würde sie sehr viel Zeit im Selbststudium verbringen. Immerhin musste er ihr das Lesen nicht auch noch erst beibringen. Die Frage war, wie es um ihre mathematischen Kenntnisse stand. Im schlimmsten Fall musste er ihr einen Mathelehrer besorgen. Das ewige neu Laden der Zylinder und jetzt noch eine Schülerin. So würde er nie voran kommen. Wenn die Straße wenigstens an eins der Kraftwerke angeschlossen wäre , dann könnte er seinen Generator stehen lassen und nur zu Versuchszwecken betreiben. Aber bisher war das komplette Viertel noch nicht erschlossen, er hatte nicht den geringsten Schimmer, wieso. Außerdem brachte der Stromverkauf wirklich ein stattliches Sümmchen zusammen. Eigentlich müsste er mal einen zweiten Generator für den Schuppen bauen, überlegte er. Zumindest sobald das Problem mit der Zauberdauer gelöst wäre. Im Moment würde er nicht genug Kraft für beide aufbringen können.

Wie dem auch sei, er musste sich nun fertig machen. Er ließ das Wasser ablaufen, stieg aus der Wanne und trocknete sich ab. Als er sich angezogen hatte, ging er nach oben und begann in seinem Schlafzimmer den Meditationszirkel vorzubereiten.

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Kira - Kapitel 1.1: "Die Ablenkung"

Zögerlich setzte Kira ihren Rucksack ab und reichte den Pelzumhang der fülligen Frau, die ihr die Tür geöffnet hatte und ihr Hausschuhe hingestellt hatte. Der Vorraum war in warmes elektrisches Licht eines großen Kronleuchters getaucht, der von der hohen Decke hing. Der Boden des rechteckigen Raumes war mit aufwendigen Kacheln gefliest, die verschiedene Hinweise auf die Gilde der Verwandlungsmagie enthielten. Kira erkannte einige wieder, die sie vor wenigen Stunden an den Türen der gildenmagischen Schule für Heil-, Verwandlungs- und Veränderungsmagie zu Uldum gesehen hatte. An der rechten Wand war eine Treppe, die zu einer Galerie führte. Und dort oben stand ein großer, offensichtlich gut trainierter Mann mittleren Alters mit kurzen, dunklen Haaren. Magister Mitras, dachte Kira. Er würde ihr Lehrmeister und Mentor sein, hatte der Schulleiter bestimmt. Kira schluckte. Der Mann strahlte eine Aura von Macht um sich aus, die den ganzen Raum flutete. Er wirkte nicht so bedrohlich oder abwertend, wie die Erzmagier, mit denen sie bisher Kontakt gehabt hatte, aber irgendwie präsenter. Kira hatte fast das Gefühl, von dieser Präsenz wieder aus dem Haus gedrückt zu werden. Sie schloss kurz die Augen, um ihren Mut zu sammeln. Wie hatte sie immer davon geträumt, dass bei ihr ein magisches Talent entdeckt werden würde, dass sie raus aus dem 200 Seelendorf Bispar kommen könnte. Priesterin hatte sie werden wollen, wie Bruder Harras, den die Geister erhörten, so dass er mit den Pflanzen singen konnte... Doch in keinem ihrer Träume war die Idee gewesen, dass ihr Talent so gefährlich sein könnte, dass ihre Eltern sie gar nicht schnell genug loswerden konnten. Ja, nun, sie hatte kein gutes Verhältnis zu ihren Eltern gehabt - zu viele Fragen, zu vorlaut, zu wild für ein Mädchen, keine gute Heirat würde sie kriegen, hatte ihre Mutter stets geschimpft. Aber rausgeworfen... Wie sie nach dem Gold gegiert hatten, dass der Magier ihnen gab, als er sie holen kam... Kira schauerte innerlich. Nichts würde schlimmer werden. Dieser Mann bestimmt auch nicht. Immerhin würde er ihr Wissen beibringen.

Sie schlug die Augen wieder auf. Der Mann war die Treppe herunter gekommen und näherte sich ihr bis auf 2 Meter. Er trug eine schwarze Stoffhose, schwarze Lederschuhe, die offenbar noch nie draußen waren, ein weißes Hemd und eine aufwendig, mit Silbernen bestickte Weste. Kiras Eltern waren Händler, von allen im Dorf hatten sie beinahe das meiste Gold besessen, aber im Vergleich zu dieser Weste kam sich Kira fast ein wenig schäbig gekleidet vor. Sie verbeugte sich.

"Magister Mitras di Venaris? Mein Name ist Kira Silva. Ich bin... Äh... Ich soll ihre Schülerin sein."

Er musterte sie mit gerunzelten Augenbrauen. "Sie sind allein?"

"Äh, ja... Also, eine Kutsche hat mich hergebracht..." Verlegen schaute Kira auf ihre Füße. Vermutlich werden Schüler normalerweise von stolzen Eltern gebracht, dachte sie, und ihre Wangen brannten vor Scham.

"Ts." Mitras machte eine wegwerfende Handbewegung. "Dann kommen Sie."

Sie schlüpfte in die Hausschuhe und folgte ihm die Treppe hinauf. Die Frau, vermutlich die Haushälterin, hatte ihren Rucksack und ihre Tasche genommen und ging bereits vorraus. Man hat mich erwartet, dachte Kira. Erwartet und es ist ein Zimmer vorbereitet. Sie spürte, wie etwas von ihrer Anspannung abfiel. Nichts würde schlimmer werden, und erwartet zu werden war etwas, dass definitiv nicht schlimm war, sondern sich sogar ziemlich gut anfühlte. Mit neu gewonnener Neugierde betrachtete sie die Umgebung.

Die Galerie ging in einen langen Flur über, von dem links und rechts Türen abgingen. Der Boden war mit einem langen, rotbraunen Teppich bedeckt und zwischen den Türen waren an den Wänden Leuchter angebracht, die von Form her an Kerzen erinnerten, aber definitiv elektrisch betrieben wurden. Kira betrachtete sie im Vorbeigehen. Sie hatte schonmal elektrisches Licht gesehen - bei der Hochzeit ihres ältesten Bruders - aber es war auf dem Land nur mit aufwendigen Generatoren möglich, Strom zu erzeugen. Selbst ihre Eltern, die viel Wert auf ein repräsentatives Haus legten, hatten Kerzen und Gaslampen. Kira fragte sich, warum ihr neuer Meister keine Irrwische als Lampengeister hielt. Sie hatte mal gehört, dass man die kleinen magischen Wesen fangen und in Lampen sperren konnte. Sie sollten ein ganz besonderes Licht geben.
Von den Kerzenlampen geschickt bestrahlt hingen auch einige Bilder. Sie zeigten Gebirgswälder im Herbst und Winter und passten damit zu den grau-weißen Tapeten und dem rötlichen Teppich. Vielleicht waren es echte Orte aus dem Gebirge westlich von Uldum, das lange Zeit die natürliche Grenze Alboins gebildet hatte.
Am Ende des Ganges war ein kleines Fenster, durch das das letzte Tageslicht fiel. Kira war schon von draußen aufgefallen, dass das zweistöckige Haus, das so im Vergleich zu den umliegenden Häusern auffällig niedrig war, nicht direkt an das Nachbarshaus grenzte, sondern es einen gepflasterten Weg vom Vorplatz um das Gebäude herum gab. Ob es hinten Stallungen oder einen Garten gab?

Magister Mitras war mit der Haushälterin in dem letzten Raum auf der linken Seite verschwunden. Kira beeilte sich, ihm zu folgen und betrat ein etwa 15 Quadratmeter großes Zimmer. Es war zweigeteilt - auf der rechten Seite stand ein Bett und ein Kleiderschrank und links vom dicken, flauschigen Teppich in der Mitte des Raumes stand ein Schreibtisch neben einem halb gefüllten Bücherregal. Kira blieb staunend in der Tür stehen. Der Raum war größer als jedes Zimmer, in dem sie je gewohnt hatte. Und alles war furchtbar edel, vom dunklen Tropenholz des Bettes und des Schrankes über die geprägte, grün-goldene Tapete bis hin zu den Büchern, die offenbar in Leder eingebunden waren. Neben dem Bett stand ein kleiner Waschtisch mit einer leeren Porzellanschale und daneben ein Waschkrug und ein Glas. Ein Glas. Ein echtes Glas, rund geblasen. Kira überlegte, ob sie jemals ein Glas einfach so zum Trinken gesehen hatte. An der gegenüberliegenden Wand war ein kleiner Erker mit Fenstern, durch die das Abendlicht auf einen gelblichen Sessel fiel.

„Sie werden hier wohnen. Ich erwarte, dass Sie die Grundlagen“, der Magier machte dabei eine Handbewegung zum Bücherregal hin, „schnellstmöglich durcharbeiten und mir jeden Abend einen kurzen mündlichen Bericht geben. Um...“ Er hielt kurz inne und blickte auf die kleine, aufwendige Standuhr, die auf einem Brett oberhalb des Studiertisches stand. „Um 18 Uhr erwarte ich Sie dazu in meinem Büro.“ Kira nickte. Lesen. Oha, lesen und lernen. Das würde sie bestimmt machen. Dann fiel ihr der Brief ein, den ihr der Schulleiter gegeben hatte. „Äh, ich soll Ihnen einen Brief geben.“ Sie öffnete ihre Jacke und griff aus der Innentasche den versiegelten Brief.

Er nahm ihn entgegen, griff sich an den linken Ärmel und hielt plötzlich ein kleines, dünnes Messer in der Hand, mit dem er das Siegel aufbrach. So sehr Kira sich auch bemühte, dieses Messer konnte unmöglich dort gewesen sein, und es verschwand auch einfach wieder. Sie spürte, wie ihr Herz anfing, schneller zu schlagen. Es war real. Er war ein Magier. Er hatte dieses Messer teleportiert oder irgendwie anders magisch hergezaubert. Sie stand vor einem echten Magier und würde lernen, Magie zu nutzen. Die Angst krampfte plötzlich ihren Magen zusammen. Was, wenn sie wieder... wenn diesmal der Schaden nicht behebbar war... was wäre gewesen, wenn der Erzmagier, den Harras gerufen hatte, die Hände von diesem Idioten Johann nicht wieder hätte hinbiegen können? Wäre sie dann überhaupt hier oder doch eher in irgendeinem dunklen Kerker? Kira spürte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte und sie schüttelte leicht den Kopf, um das Gefühl loszuwerden. Sie war hier in diesem absolut wunderschönen Zimmer und sie würde ihren Meister nicht enttäuschen. Sie würde einfach nie wieder so wütend werden. Dann würde schon nichts passieren.

Mitras legte die Schürze ab und ging zur Tür. Es hatte geläutet und das konnte nur heißen, dass seine erste Schülerin angekommen war, denn anderen Besuch erwartete er heute nicht. Vor drei Tagen war Erzmagier Thadeus di Hedera, Schulleiter der gildenmagischen Schule für Heil-, Verwandlungs- und Veränderungsmagie zu Uldum, persönlich erschienen, um ihm zu eröffnen, dass er nun, da er den Rang des Magisters bereits ein halbes Jahr trug, seinen Verpflichtungen nachkommen müsse und seine erste Schülerin auszubilden habe. Er hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde, er hatte aber gehofft, dass es noch eine Weile dauern würde.

Doch nun trat er aus seinem oberen Labor heraus auf den Flur und blickte die junge Frau an, die neben Abigail stand. Sie war größer als die gute Abby, aber nicht sehr. Er schätzte sie auf rund 1,65m. Auffällige rote Haare fielen ihr in leichten Locken bis über die Schultern. Skirvorfahren, vermutete Mitras. Ungewöhnlich, aber durchaus interessant. Sie stammte ja wohl auch aus den nördlichen Provinzen, da konnte das schon mal sein. Hoffentlich hatte sie nicht zu viel vom wilden, barbarischen Charakter, der den nördlichen Völkern nachgesagt wurde. Kinder oder Jugendliche, die ungewöhnliche oder problematische Charakterzüge zeigten, wurden traditionell der Schule in Uldum, der Hauptstadt Albions, zugewiesen, um gut beobachtet und kontrolliert werden zu können. Zumindest ihr erstes Magiewirken ließ vermuten, dass sie viel vom wilden Charakter ihrer Vorfahren geerbt hatte, wenn er Thadeus Brief und Andeutungen richtig verstanden hatte. Er ließ den Blick tiefer schweifen. Unter dem blauen Rock und der schlichten Jacke zeichnete sich ein fraulicher Körper ab. Immerhin sah sie gut aus. Die Frage des Charakters würde sich später klären. Mitras fand, dass jeder sich in solchen Fragen besser selbst eine Meinung machen sollte.

Langsam ging er die Treppe herunter. Der Erzmagier hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihr eine Begleitung mit zu geben. Während Mitras noch grübelte, ob dies eine gezielte Beleidigung oder einem anderen Umstand geschuldet war, stellte sie sich unbeholfen vor.

"Magister Mitras di Venaris? Mein Name ist Kira Silva. Ich bin... Äh... Ich soll ihre Schülerin sein."

Er musterte sie argwöhnisch und fragte zur Sicherheit noch einmal nach. "Sie sind allein?"

"Äh, ja... Also, eine Kutsche hat mich hergebracht..." eingeschüchtert starrte sie auf ihre Füße. Er musste seine Wut auf Thadeus und diese ganze Schule im Zaun halten. Sie konnte nichts dafür, war es nun eine Beleidigung oder ein Versehen. Sie wirkte nicht so, als wüsste sie, dass junge Magierlehrlinge von einem Magister der Gilde, oft einem Lehrer der Schule, an den Ausbildenden übergeben wurde. Insbesondere wenn ihr erstes Anzeichen von magischer Begabung so destruktiv verlaufen war. Doch von nun an wären alle ihre Fehler automatisch seine, und genau das hatte Thadeus wohl mit der fehlenden Begleitung sagen wollen: Da musste Mitras alleine durch, von der Schule war keine Unterstützung zu erwarten. "Ts." zischte Mitras, drehte sich um und ging die Treppe wieder hinauf. "Dann kommen Sie."

Der Weg zu ihrem Zimmer musste reichen, um die Fassung wieder zu erlangen. Immerhin war sie eine ansehnliche junge Frau. Ihre Kleidung war ländlich schlicht, verriet aber, dass sie wusste, sich zu kleiden. Er würde sie dennoch neu ausstatten müssen. Auch ihr Äußeres fiel letztendlich auf ihn zurück. Er wusste, dass einige Magister ihre Discipuli regelrecht herausputzten und mehr wie teure Haustiere herumpräsentierten. Mitras hielt davon nichts und hoffte inständig, dass diese Pfauen wenigstens halb so viel Energie in die Ausbildung steckten wie in das Äußere.

Am Kopf der Treppe angekommen blickte er kurz wehmütig auf die Labortür, aber die Arbeit musste warten. Er bog nach links in den Korridor ab und ging den Flur entlang an den zwei Gästezimmern zur linken und seiner Bibliothek und seinen Privatgemächern vorbei.

Sein schlichtestes Gästezimmer hatte er als ihre neue Unterkunft auserkoren. Erst hatte er überlegt, sie im Personalhaus auf der anderen Seite des Gartens einzuquartieren, aber das erschien ihm dann doch unangemessen. Immerhin war sie eine Magierin, auch wenn sie noch ohne Ausbildung war. Das Zimmer war ursprünglich für die einfachsten seiner Gäste gedacht, aber dennoch geschmackvoll eingerichtet. Er hatte den Raum ein bisschen umdekoriert. Die kleine Sitzecke und einer der dazugehörigen Sessel waren entfernt worden, um dem Schreibtisch und dem Bücherregal Platz zu machen. Den verbliebenen Sessel hatte er ans Fenster stellen lassen. Sollte sie auch nur halb so belesen sein wie er, würde sie diese Ecke sehr zu schätzen wissen. Seit dieses Monstrum von einem Gebäude gegenüber gebaut worden war, war das Licht in den anderen beiden Zimmern schlechter geworden. Lediglich hier hatte man noch bis zum Sonnenuntergang gutes Licht.

Seit er seinen Generator im Gerätehaus betrieb, war das freilich kein Problem mehr. Sein ganzes Haus war elektrisch versorgt. Er produzierte sogar soviel Strom, dass er seine Nachbarschaft mit beliefern konnte, um so seine Haushalts- und Personalkosten abzudecken.

Er baute sich vor dem Schreibtisch auf und drehte sich zu ihr um. Abigail stellte die Sachen des Mädchens vor dem Kleiderschrank ab und blickte kurz zu ihm. Mit einem kurzen Nicken und kaum wahrnehmbaren Lächeln entlies er sie und blickte zu seiner neuen Schülerin. „Sie werden hier wohnen. Ich erwarte, dass Sie die Grundlagen“ , er zeigte auf die vorbereiteten Bücher, „schnellstmöglich durcharbeiten und mir jeden Abend einen kurzen mündlichen Bericht geben. Um...“ Er hielt kurz inne und blickte zu der Standuhr, die er extra für den Arbeitsplatz angeschafft hatte. „Um 18 Uhr erwarte ich Sie dazu in meinem Büro.“ Immer noch sehr verschüchtert, sah er doch keine negative Reaktion auf seine Worte. Vielmehr war da ein Aufflackern von Vorfreude. Doch dann schien ihr etwas einzufallen. „Äh, ich soll Ihnen einen Brief geben.“ Sie öffnete ihre Jacke und griff aus der Innentasche einen mit dem Siegel der Gilde versehenden Brief.

Er nahm ihn entgegen und griff kurz an den Rand seines linken Ärmels. Ein kurzer magischer Puls aktivierte eine lose wirkende Stoffbahn, die aus dem Ärmel hinaus und in seine Hand glitt. Das kleine Messer, welches er zumeist als Brieföffner benutzte, formte sich aus dem Stofffetzen. Er öffnete den Brief, verwandelte es zurück und heftete es an seinen Platz.

Er überflog das Schreiben. Es waren die Ergebnisse der Sondierung des Mädchens, aber diese Werte konnten unmöglich stimmen. Was heckte Thadeus aus, dass er ihm eine derart potente Schülerin überstellte? Gerade im Bereich der Verwandlungsmagie waren ihre Ergebnisse überragend. Sollte es ihr gelingen, dieses Potential voll zu entwickeln, könnte sie eine der größten Magierinnen ihrer Disziplin werden - und damit auch für den tradtionalistisch eingestellten Schulleiter, der erfolgreiche Magier lieber nur aus den Kreisen der alten Adelsfamilien stammend sah, eine Gefahr.

Sie erschien ihm in einem völlig neuen Licht und nun wusste er auch, warum sie allein gekommen war. Aber warum wollte der Erzmagier unbedingt, dass er sie unterrichtete? Hatte er die Sondierung nicht gekannt, als er sie Mitras zuwies und wollte nun nicht von seinem Wort abweichen? Oder schätzte er die destruktive Gefahr und charakterlichen Schwächen des Mädchens so hoch ein, dass er davon ausging, Mitras damit schaden zu können? Thadeus war Mitras Erfolg ein Dorn im Auge, hatte er doch immer prognostiziert, aus seinem ehemaligen Schüler würde nie etwas werden. Oder war sie eine Spionin? Mitras schaute kurz zu ihr hinüber. Sie stand ein wenig gedankenverloren vor ihm, anscheinend zu verschüchtert, um selbst aktiv zu werden. Nein, eine Spionin war sie vermutlich nicht, dazu war sie zu unsicher. Ein Mädchen aus einer Dorfprovinz mit einer so hohen Grundbegabung, aber eigentlich schon fast zu alt für eine Magieentdeckung und dann auch noch mit dem Makel einer gewaltätigen Ersthandlung. Hier lag ein Geheimnis vor ihm, das er noch nicht ergründen konnte. Er fragte sich, ob Thadeus ihn deshalb mit genau dieser Schülerin bedacht hatte - das Mysterium um sie zu lösen, würde ihn von der Arbeit ablenken. Und wenn er sich nicht um seine Arbeit kümmerte, würden andere vielleicht den Ruhm einheimsen, mit dem von ihm gefundenen Material großartige Erfindungen zu tätigen. Andere, die mehr in Thadeus Gunst standen...

Er wurde sich plötzlich der leichten Wärme in seinem Rücken bewusst. Er hatte zu lange dicht am Stein gestanden. Nach außen hin eine einfache zur Schau gestellte Mineralienprobe war das Calcit eines seiner ersten Experimente gewesen, und sein erster Schritt von dieser elendigen Kohle loszukommen. Dieser Stein und viele andere waren mit einem einfachen Zauber belegt worden, der sie dazu brachte Wärme zu emittieren. Eine Verschmelzung aus Elementar- und Verwandlungsmagie in einem Ritual gebunden. Nichts allzu außergewöhnliches, aber gut genug um als Abschlussprojekt an der Schule zu dienen und in den Rang eines Magisteranwärters aufzusteigen.

Er riss sich von diesen Erinnerungen los und blickte zu ihr hinüber. Ihr Gesicht war sichtlich gerötet und ihm wurde bewusst, dass sie immer noch die dicke Reisejacke trug. "Sie sollten die Jacke vielleicht ablegen. Das Haus ist gut geheizt." Unter seinen Worten schreckte sie förmlich auf, als wenn sie tief in Gedanken versunken war. "Oh ja, Sie haben recht, äh Magister."

Sie knöpfte die Jacke auf und schien seinen musternden Blick nicht wahrzunehmen. Unter der Jacke trug sie eine schlichte Bluse, die die Schultern fast frei ließ. Sie bückte sich und raffte den Rock und den Unterrock, um dicke Wollgamaschen auszuziehen. Ihm fiel auf, dass sie so tief blicken ließ. Ihre Brüste spannten bei der Abwärtsbewegung das Gewebe. Sie wirkten sehr fest und waren nicht gerade klein. Mehr Frau als Mädchen, realisierte er. Auch ihre kurz aufblitzenden Beine waren wohl geformt und ihre Haut hell und ebenmäßig. Keine Narben verunzierten sie.

"Ähm, Herr, entschuldigt bitte, ich habe seit heute Morgen nichts mehr gegessen und habe Hunger. Wann wird es Essen geben?" Er hatte gar nicht bedacht, dass sie ja nun schon einen recht aufreibenden Tag hinter sich hatte. "Oh natürlich, einen Moment." Er schnippte kurz mit dem Finger, was das kleine Glöckchen, das Abigail trug, anschlagen würde. Einen kurzen Moment später war sie auch schon da. Anscheinend hatte die Gute ihre Aufgaben so gelegt, dass sie in der Nähe bleiben konnte. "Abigail, sei so gut und bereite ein paar Sandwiches vor und bringe sie hier auf das Zimmer." "Jawohl, Sir." sagte sie lächelnd und war auch schon wieder aus dem Zimmer verschwunden. Das Mädchen wirkte sichtlich überfordert. Wahrscheinlich war es das erste Mal, dass sie von Bediensteten versorgt werden würde.

"Magister, ähm, gibt es irgendwelche Regeln, die ich im Haus beachten muss?" "Hmm, es wird wohl das Beste sein, wenn ich Ihnen eine Führung durch das Haus gebe. Sagen wir in einer Stunde. Richten Sie sich ein und essen sie etwas, dann klopfen sie an mein Labor. Die letze Tür am Flur auf der linken Seite." "Jawohl, Magister." Ohne ein weiteres Wort verließ er das Zimmer. Vielleicht würde diese Ablenkung doch erfreulicher sein als erwartet. Wenn er sie richtig formte, konnte sie eine wertvolle Assistentin werden. Sie schien noch völlig arglos zu sein und frisch vom Land konnte sie auch noch nichts von den ewigen Intrigen in der Hauptstadt, erst recht in der Gilde, wissen. Er würde sie sorgfältig vorbereiten müssen, ehe er sie das erste Mal aufs offene Parket des Lebens in der Stadt lassen konnte, aber dafür war noch Zeit. Keiner erwartete, neue Schüler auf öffentlichen Anlässen zu sehen. Erst wenn sie sich den ersten Titel verdient hatte und die eigentliche Aufnahmeprüfung bestanden war, dann würde sie sich beweisen müssen.

Kira ließ sich auf das Bett fallen, als er gegangen war. Sie blickte sich um. Nun fielen ihr weitere Details des Raumes auf. In der Ecke hinter der Tür war eine kleine Holzwand eingezogen - vermutlich verbarg sich hinter der schmalen Tür eine Toilette. Das kannte sie von zuhause. In der anderen Ecke, neben der Zimmertür, stand ein dreieckiger Tisch mit einer Schublade. Seine Beine waren auffällig geschwungen. Ein Schminktisch, und darauf stand ein Spiegel. Nicht ein poliertes Stück Metal, ein richtiger Spiegel. Beinahe wäre sie aufgestanden, um sich selbst anzuschauen, doch dann blieb sie erschöpft sitzen. Der Raum war, obwohl es keinen Ofen gab, tatsächlich angenehm warm und sie war nun schon seit Sonnenaufgang unterwegs. Erst die Reise mit der Kutsche, dann mit der Eisenbahn und dann war sie in diese riesige Stadt gekommen. Ein Meer von Dächern, die Beschreibungen in den Zeitungen waren wahrlich nicht übertrieben gewesen. Und wie es stank! Der Magier, der sie abgeholt hatte, war mit ihr vom Bahnhof aus zu einem pompösen Palast gegangen, den er als das „Gildenhaus“ bezeichnet hatte. Und dort war sie dem Erzmagier Thadeus vorgestellt worden. Er war höflich gewesen, aber sie hatte deutlich gesehen, wie er die Miene verzogen hatte, als ihr Begleiter sie vorstellte. „Kira Silva aus Bispar. Die junge Dame, die dem Dorfjungen die Hände verdreht hat.“ Kira seufzte. Wie lange das wohl noch an ihr haften würde? Mühsam raffte sie sich auf und setzte sich an den Schreibtisch, um die belegten Brote zu essen, die die Haushälterin herein gebracht hatte, kaum, dass Magister Mitras gegangen war. Sie schmeckten wirklich gut. Obwohl bei dem Hunger, den sie hatte, vermutlich alles gut geschmeckt hätte.
Der Erzmagier hatte sich eine Weile mit ihr unterhalten und nebenbei ein Protokoll ausgefüllt. Und dann hatte er ihr eine Kugel in die Hand gegeben und ihr gesagt, sie solle sich entspannen. Das war gar nicht einfach gewesen, denn die Kugel hatte ziemlich gekribbelt. Kira vermutete, dass sie durchleuchtet worden war. Bruder Harras hatte ihr erzählt, dass es für sowas Artefakte gab. Als sie ihm die Kugel nachher zurückgeben durfte, hatte er sie lange nachdenklich angeschaut. Kira hatte schon Angst, dass sie jetzt doch wieder zurück geschickt werden würde. Bestimmt war sie gar nicht so begabt. Immerhin war noch nie jemand in ihrer Familie magisch gewesen. Aber dann hatte er genickt, etwas ins Protokoll geschrieben und gemurmelt: „Wir werden sehen. So schlimm wird es schon nicht werden.“ Kira war sich sicher, dass sie das eigentlich hätte gar nicht verstehen sollen, aber da sie jahrelang ja meistens den anderen Kindern nur aus der Entfernung zugeschaut hatte, war sie ziemlich gut darin geworden, von den Lippen abzulesen. Und dann hatte er den Brief fertig geschrieben, ihn gesiegelt und ihr das Versprechen abgenommen, ihn nicht selber zu lesen und nur Magister Mitras zu geben. Anschließend hatte er sie sogar bis zur Kutsche begleitet und dem Kutscher die Adresse genannt. Und nun war sie hier. „So schlimm wird es schon nicht werden.“ Nein, vielleicht war sie nicht so begabt, aber sie würde fleißig lernen. Ihr war durchaus bewusst, dass sie hier nur zur Probe war. Später würde es eine Aufnahmeprüfung geben, spätestens nach einem Jahr, das hatte ihr der Erzmagier gesagt: "Aufgrund Ihres Alters bleibt Ihnen nicht viel Zeit. Sie werden jetzt ein Jahr von Magister Mitras vorbereitet. Der wird ganz gut zu Ihnen passen, er sollte doch ganz genau wissen, von wo Sie beide herkommen und wo ihr Platz ist." Sie würde es diesem Erzmagier beweisen, dass sie nicht so schlimm war und dass man sie nicht zurück nach Bispar schicken müsste.

Entschlossen stand sie auf und begann, ihre Kleidung in den Schrank einzuräumen. Einen schwarzen Samtrock und ein passendes Oberteil legte sie aufs Bett. Natürlich war es nicht so elegant und schick wie die Weste oder die Hose ihres neuen Meisters, aber sie würde sich bemühen, einen guten Eindruck zu machen. Vorsichtig öffnete sie die Tür zur Toilette und stellte erfreut fest, dass es hier tatsächlich fließendes Wasser gab. Neben dem Loch, dass als Toilette diente, gab es eine Hahn und einen Krug. Man konnte also Wasser auf die Hinterlassenschaften kippen, um sie wegzuspülen. Kira grinste. Was für ein Luxus! Keine zehn Pferde kriegen mich wieder aus diesem Haus, schwor sie sich, während sie den Krug vom Waschtisch neben dem Bett holte, den Hahn aufdrehte und ihn füllte, um sich waschen zu können. Sie zog sich aus und stapelte die getragene Wäsche auf dem Stuhl am Schreibtisch. Sie würde die Haushälterin fragen, ob sie einen Korb bekommen könnte und wo sie waschen könnte. Langsam und sorgfältig wusch sie sich und zog sich neu an. Ihre Bürsten brachte sie zum Schminktisch und betrachtete sich dann ausführlich im Spiegel. Draußen war die Sonne untergegangen, also knipste sie die Lampe am Schminktisch an und wieder aus und wieder an und betrachtete fasziniert, wie der kleine Draht in ihr aufleuchtete und wieder verglomm. Das Ticken der Uhr erinnerte sie, dass sie ja zur Hausführung gehen sollte, und sie schaute auf die Uhr. 10 Minuten noch. Sie richtete ihre Haare und steckte die vorderen Strähnen mit einer kleinen Spange hinterm Kopf fest. Dann stand sie auf und betrachtete noch einen kleinen Moment die Bücher, die sie in der nächsten Zeit lesen sollte.
„Handbuch der Erstlingszauber“ - ok, klang nicht schlecht. „Von Krieg und Staaten“ - ob das etwas zur Geschichte des Landes enthielt? Heeresstrategien waren nicht so interessant, aber es war spannend, wie sich alles auf Gäa entwickelt hatte. Bruder Harras hatte leider wenig dazu gehabt, was typisch war für jemanden wie ihn, der sich mehr auf die spirituellen Belange konzentrierte. „Königsberger Mathematik“ und „Einführung in Geografie und Geschichte Albions“ - ok, Mathematik war nicht so ihres, aber das würde schon gehen. Noch ein Geschichtsbuch war auf jeden Fall gut. Dann gab es da „Die bewegte Welt“ und „Wort und Sinn“, das sagte ihr nichts. Daneben stand allerdings, wesentlich spannender, „ die kleine Magiekunde“ und „die magische Flora und Fauna Albions“. Sie strahlte. Pflanzen mochte sie, und etwas über magische Tiere zu erfahren würde bestimmt auch toll sein. Sie nahm das letzte Buch und legte es sich aufs Bett, ehe sie mit einem Blick auf die Uhr aus dem Zimmer trat und die Tür schloß, um über den Gang zu der Labortür zu eilen. Vor der Tür holte sich nochmal tief Luft, dann klopfte sie vorsichtig.

Wieder im Labor angekommen wandte er sich seiner Forschungsstation zu. Diverse magische Aparaturen waren um einen Zirkel aufgestellt. In der Mitte stand nach wie vor der Zylinder aus Elektrum, jenem Material, dass er vor zwei Jahren bei seinen alchemistischen Forschungen entdeckt hatte. Eigentlich hatte er versucht auf Basis von altem alchemistischen Wissen, dass er nicht ganz legal aus der Sammlung eines nichtmagischen Herzogs beschafft hatte, Gold herzustellen.

Das Werk Transmutatis war unter gelehrten Alchemisten ein Mythos und galt als lange verloren. Und dann war da dieser Ball gekommen. Claudia, eine Mitstudentin von früher, hatte ihn dorthin mitgeschleppt. Gelangweilt hatte er sich irgendwann nach den ersten Tänzen in die Bibliothek geschlichen. Niemand war dort und so wie die Werke aussahen, waren sie auch schon ewig nicht gelesen worden. Eine Sammlung rein des Protzens wegen. Und da stand es. Der heilige Gral einer ganzen Zunft, im Besitz eines alten Narrens, der wahrscheinlich noch nicht einmal richtig lesen konnte.

Der Herzog Lucrecius di Marantus war der fünfte Sohn einer langen, reichen und vor allem magischen Adelslinie. Komplett unbegabt hatte ihn die Familie genauso fallen lassen wie seine ebenso unbegabten älteren Geschwister. Die Linie drohte zu brechen und seine Eltern griffen zu drastischen und hoch illegalen Mitteln. Ein Ritual, das angeblich magische Befähigung erzwingen können sollte, sollte durchgeführt werde - von den Eltern an den ersten vier Kindern. Der Fünfte galt allgemein als missraten und so banden sie ihn nicht ein. Und nun - eine Katastrophe und sechs verkohlte Leichen später - war die Linie endgültig beendet und der neue Herzog lebte fortan nur noch dafür, auch das Erbe endgültig zu verprassen.

Mitras schaffte es, ein Duplikat des Buches zu erzeugen und bei einem weiteren Ball ins Gebäude zu schmuggeln. Er schaffte es, die Bücher auszutauschen und bis der Lederband des falschen Buches das nächste Mal bewegt werden würde, wären längst alle Spuren, die zu ihm führen könnten, kalt.

Er löste sich aus seinen alten Erinnerungen. Gold hatte er keines gewonnen, aber das Elektrum getaufte Material. Es hatte gleichzeitig magnetische und magische Eigenschaften und eignete sich so zur Übertragung magischer Energie in Elektrizität. Und alles was nun noch nötig war, war ein einfacher Bewegungszauber. Telekinese war nie seine Stärke gewesen, aber er wusste von Anfang an, dass die permanente Bewegung aufwendig war. Dennoch war das Elektrum sein großer Durchbruch. Der Verkauf von mittlerweile zwei Tonnen des Materials hatte ihm den vorzeitigen Übergang zum Magister und große Reichtümer eingebracht.

Doch nun musste er sich ständigen Versuchen erwehren, die Formel zu stehlen. Nicht wenig seines neuen Vermögens war in die Sicherung des zweiten Labors im Keller geflossen. Auch das Königshaus hatte seine schützende Hand über ihn erhoben, im Tausch gegen vierhundert Kilogramm im Jahr, je ein Viertel pro Quartal.

Aber kaum einer dachte bei dem Material an Energiegewinnung. Zu groß waren die Möglichkeiten in der Waffenfertigung, war es doch in der Lage die antimagischen Eigenschaften von Eisen zu umgehen. Mitras scherte sich nicht um solch unangenehme Nebenwirkungen. Sollte es ihm gelingen, einen dauerhaften Bewegungszauber auf einen Barren zu wirken, würde das eine quasi unendliche Stromquelle bedeuten. Doch bisher war es ihm lediglich gelungen ein aufwendiges Ritual zu erschaffen, mit dem er seinen Elektrumgenerator zwei Tage in Betrieb halten konnte. Eine halbe Nacht starker Konzentration, sowie die Vor- und Nachbereitung kosteten zu viel von seiner Zeit und Kraft. Aber es war ein Anfang.

Er ordnete noch eine Weile seine Notizen vom Vormittag, ein weiterer Versuch war gescheitert und hatte nicht einmal eine winzige Verlängerung der Wirkung ergeben. Dann klopfte es an der Tür. Er hatte gar nicht gemerkt wie die Zeit vergangen war.

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