Kira - Kapitel 1.3: "Geschenktes Glück"

Kira wachte davon auf, dass es still war. Viel zu still. Sie blinzelte. Draußen war es bereits hell. Kein Vogel sang. Sie lauschte einen Moment verwirrt. Kein Vogel, kein Hundegebell, niemand, der durch die Gegend rief. Sie war nicht zuhause. Nicht zuhause! Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag und die Erinnerung an den gestrigen Tag stürmten noch einmal auf sie ein. Die Reise, der Erzmagier, die Prüfung, das Haus, Mitras, Abigail, William, Tobey... ihre Ausbildung. Ach, du meine Güte, ihre Ausbildung. Ruckartig setzte Kira sich auf. Wie spät war es? Sie blickte zur Uhr auf dem Schreibtisch. 8 Uhr 40! Oh, bei den guten Geistern! So spät! Sie sollte dringend aufstehen und mit den Studien anfangen. Magister Mitras hatte deutlich gesagt, dass er sie jeden Abend prüfen würde, also würde sie jeden Tag ausreichend Stoff vorbereiten müssen. Kira war mit Selbststudien und Prüfungen vertraut, sie hätte nach der Dorfschule auf das Gymnasium gehen können, doch Lührenburg war zu Fuß zu weit weg, und eine Droschke oder ein Pferd jeden Tag zu bezahlen, war ihrer Mutter zu teuer gewesen, also hatte sie den Stoff mit der Post geschickt bekommen und durfte jeden Tag zwei Stunden zu Bruder Harras gehen, um dort zu lernen. Sie war nicht die einzige in den umliegenden Dörfern, der Fernunterricht war überall auf dem Land üblich. Viermal im Jahr war sie zu den Prüfungen gefahren, die sie meistens auch ganz gut bestanden hatte - Mathematik ausgenommen, sehr zum Ärger ihres Vaters, der sie als "Schande einer Händlerfamilie" bezeichnet hatte. Aber Kopfrechnen war einfach langweilig. Und immer ging es um Geld. In Geometrie war sie nicht so schlecht gewesen. Also, naja. Zumindest war sie da nie durchgefallen.

Sie schwang sich aus dem Bett und tapste in die Toilette. Sie würde sich ein Frühstück holen und dann mit dem Buch zu Flora und Fauna beginnen. Und danach das Handbuch der Erstlingszauber. Sie spürte, wie sich Vorfreude darauf in ihr ausbreitete, nicht nur einen Tag, sondern viele Tage lang sorgfältig lesen, herausschreiben, lernen zu können. Sie holte sich mit dem Krug etwas Wasser, wusch sich flüchtig und öffnete dann den Schrank, um sich etwas zum Anziehen herauszusuchen. Unterwäsche war einfach, aber dann stand sie eine lange Weile vor dem Schrank und überlegte. Selbst die Kleidung von Abigail wirkte ein wenig edler als ihre normale Alltagskleidung. Sie seufzte. Der Erzmagier hatte ihr gesagt, dass sie ein Taschengeld von Mitras bekommen würde. Scheinbar würde sie es dazu einsetzen müssen, sich erstmal einige bessere Stoffe zu kaufen. Mit dem elektrischen Licht würde sie auch in den Abendstunden noch nähen können, und so würde sie bestimmt einige Kleider nähen können, die dem Haus mehr entsprachen. Schließlich entschied sie sich für ein schlichtes grünes Leinenkleid mit einer weißen Unterbluse und einem weißen Unterrock. Das Set saß bequem und würde sie beim Lernen nicht durch unnötige steife Elemente stören. Sie flocht sich rasch die Haare zu einem dicken Zopf, das sparte das langwierige Bürsten, und zog sich die Haussschuhe an. Gerade, als sie so zur Tür ging, klopfte es. "Kindchen?", klang Abigails Stimme durch die Tür. "Bist du schon wach?" "Äh, ja." Kira öffnete die Tür. Abigail strahlte sie an. "Sogar schon angezogen!" Kira wurde ein bisschen verlegen. "Ich habe verschlafen, oder?" Abigail lachte. "Nein, gar nicht, ich sollte dich um 9 wecken, und du bist schon angezogen. Ein frühes Vögelchen bist du, oder?" "Um neun?", fragte Kira ungläubig. "Der Meister sagte, du dürftest heute ein wenig länger schlafen, weil dein Tag gestern ja sehr lang war. Normalerweise wecke ich dich um halb acht, William macht uns allen um acht Frühstück. Mitras isst nicht immer mit uns, aber du kannst dich gerne zu uns setzen, wenn du es magst. Alleine essen macht unglücklich!" Dabei zwinkerte sie ihr freundlich zu. Kira versuchte ein freundliches Lächeln. Abigail war so nett zu ihr, netter als ihre Mutter jemals gewesen war. Es fühlte sich ein wenig komisch an, dass eine fremde Frau so warmherzig zu ihr war. Sie muss sich um mich kümmern, schoss es Kira durch den Kopf. Sie ist die Angestellte. Ob Mitras ihr Anweisungen gegeben hatte? Nein. Mitras war so viel kühler und distanzierter, er würde nicht anweisen, besonders freundlich und liebevoll zu ihr zu sein. Es musste einfach ihre Art sein. Die gute Seele des Hauses, dachte Kira, während sie gemeinsam die Treppe runter zur Küche gingen. An der Küchentür winkte Abigail ihr zu. "Ich hab schon gegessen und muss noch Wäsche waschen, aber du kannst dir ein Tablett dort abholen. Mitras muss auch noch essen, glaube ich." Achja, die Wäsche. "Äh, wo kann ich denn meine Wäsche waschen?", fragte sie, vor der Küchentür stehend. "Sie waschen keine Wäsche!", erklang aus der Kellertür rechts neben ihr streng Mitras Stimme. Kira qietschte erschrocken und fuhr herum. Im Kelleraufgang stand Mitras, in den selben Kleidung wie am Vortag. Er wirkte, als habe er kaum geschlafen, abgekämpft und müde. Das tat allerdings der Strenge und der Missbilligung in seiner Stimme keinen Abbruch. "Meister! Verzeihung, aber..." "Abigail wäscht Ihre Wäsche. Sie stellt Ihnen einen Korb hin, wie bei mir auch." Mitras trat auf sie zu, und Kira wich ein Stück zurück, bis sie gegen die Küchentür stieß. Er griff nach ihrem Kinn und hob es nach oben, so dass sie ihm in die Augen sehen musste. Seine Augen waren hellblau, fast wie Eis, und funkelten sie mit einer Mischung aus Erschöpfung und Wut an. "Sie sind eine junge Lady. Sie sind eine Magierin. Sie werden keine Wäsche waschen, Sie werden nicht putzen, Sie werden nicht dienen. Stehen Sie gerade und sprechen Sie mir nach." Er ließ sie los und trat einen Schritt von ihr weg. Kira blickte weiter in seine Augen, sie traute sich nicht, wegzuschauen. "Ich... ich... bin eine Lady?", sagte sie zaghaft. "Sie sind eine Lady.", bestätigte Mitras. "Und Sie werden sich auch so benehmen. Ihr Verhalten wird unser Haus repräsentieren. Und jetzt werden Sie Abigail eine Anordnung bezüglich Ihrer Wäsche geben." Scheu schaute Kira zur Seite, wo Abigail stand und offenbar schmunzelte, nun aber rasch ein ernstes Gesicht aufsetzte und sie erwartungsvoll anschaute. Kiras Gedanken rasten. Was für eine Anordnung? Die Hinweise zum Korb fielen ihr wieder ein. "Abigail, würdest du bitte einen Korb in mein Zimmer stellen und alle drei Tage meine Wäsche waschen?", fragte sie und linste dabei zu Mitras. Seine Mundwinkel zuckten, als unterdrücke er ein Lächeln, doch er nickte. "Selbstverständlich, Kindchen." Jetzt grinste Mitras wirklich. "Du untergräbst meine Erziehung mit so einer Anrede, Abby!", beschwerte er sich. "Remus wurde nicht an einem Tag erbaut!", gab Abigail schlagfertig zurück, ehe sie sich umdrehte und im Flur verschwand. Mitras drehte sich wieder zu Kira um. "Wollen wir?" Er deutete dabei auf die Tür hinter ihr. "Äh, ja, Meister." Sie drehte sich um und öffnete die Küchentür. Die Küche war leer, aber auf der Anrichte standen zwei Tabletts, das eine mit einer langen Rispe von Lavendel auf der abgedeckten Tasse. Mitras ging an ihr vorbei und nahm das Tablett ohne Lavendel. "Kommen Sie, wir können im Esszimmer zusammen frühstücken."

Mit dem Tablett in der Hand ging er ins Esszimmer herüber. Kira beeilte sich, ihres zu nehmen und ihm zu folgen. Er hatte eigentlich geglaubt, dass sie schon eine gewisse Erfahrung mit Bediensteten haben müsse, waren ihre Eltern doch eigentlich erfolgreiche Händler. Aber anscheinend hatte er deren Stellung überschätzt. Seine eigenen Eltern waren wohlhabend genug, um sich immer Bedienstete leisten zu können. Er konnte sich jedenfalls nicht entsinnen, dass es jemals eine Zeit ohne Hausmädchen und Koch gegeben hatte. Lediglich der Garten fehlte ihnen.

Aber auch sonst machte er sich ein bisschen Sorgen um das Mädchen. Sie war sehr zurückgezogen und wirkte schon sehr eingeschüchtert. Er musste wohl wirklich ein bisschen darauf acht geben, ihr nicht mit zu viel Härte zu begegnen, wie William gesagt hatte. Ob er wohl einen Hauslehrer für Umgangsformen anstellen sollte? Aber er verwarf den Gedanken. Er würde sie schon selbst formen und ihr das nötige Rückgrat vermitteln, um auch hier zu bestehen. Auch wenn er deutlich weniger scheu gewesen war, so war auch er sehr introvertiert und hatte den Umgang mit der höheren Gesellschaft erst von seinem alten Freund und Mentor Christobal di Pinzon lernen müssen. So würde er das nun auch bei ihr machen.

Er stellte sein Tablett ab, wartete, bis sie es ihm gleich getan hatte und setzte sich dann. "Bedenken Sie, durch Ihre neu erwachten Fähigkeiten sind Sie nun in einen neuen Stand aufgestiegen. Gewöhnen Sie sich daran, dass Dienerschaften und generell das 'normale Volk' Ihnen bald mit Knicks und Verbeugung entgegen treten wird. Wir Magier bilden einen eigenen Stand parallel zum Adel, also über allen anderen. Lassen Sie sich dies aber nicht zu Kopf steigen! Ich werde nicht tolerieren, dass sie anfangen Ihre Mitmenschen von oben herab zu behandeln. Zu Ihrer Ausbildung wird auch gehören, wie Sie sich wem gegenüber zu verhalten haben. Hier im Haus pflegen wir einen lockereren familiäreren Umgang. Aber dennoch sind Sie jetzt eine Dame und sie die Bediensteten. Ihre Aufgabe ist das Lernen und später auch das Assistieren bei meinen Studien und letztendlich das durchführen eigener Studien. Abigails, Williams und Tobeys Aufgabe ist es uns dabei alle weltlichen Probleme vom Hals zu halten." "J... ja, Meister." stotterte sie, völlig überfahren von seiner Standeseinweisung.

Nach dieser ersten Ansprache nahm er erst einmal eine der belegten Brotscheiben auf und begann zu essen. Sie schaute eine Weile nur auf ihr Tablett, brauchte wohl noch einen Moment, um das gesagte zu verdauen, begann dann aber auch zu essen. Just in diesem Moment kam William herein. "Ha, ihr beide habt euch schon bedient. Ich wusste nicht, was du so magst, also habe ich erstmal von allem ein bisschen gemacht. Leg einfach die Sachen, die du nicht magst auf den rechten Tellerrand und was du vom Rest nicht schaffst, kannst du dann auf der linken Seite ablegen, damit ich es dir für später einpacken kann. Wird ja doch ein ereignisreicher Tag." Der letzte Satz ging in ein fröhliches Lachen über und schon war er wieder in der Küche verschwunden. Sie schaute ihm leicht verdutzt hinterher und dann wieder auf ihren Teller, als überlege sie, was sie davon nicht mögen könne. Tatsächlich hatte sie bereits von dem meisten ein wenig probiert, alle Brote waren angeknabbert. Mitras legte das Brot, dass er gerade aß wieder ab, blickte zu ihr und sagte, "Achja, mit dem Lernen können Sie Morgen anfangen, zumal ich Ihnen ja noch gar keinen Lehrplan zugeteilt habe." Geschweige denn, dass er bereits einen geschrieben hatte, aber da würde er sich später drum kümmern. "Zum Stand eines Magiers gehört auch eine standesgemäße Kleidung. Und Ihre Sachen weisen zwar eine gewisse Stilsicherheit aus, sind aber doch ziemlich gewöhnlich. Abigail war früher eine angesehene Schneiderin und hat schon so manches junges Adelsmädchen eingekleidet und genau das wird sie heute mit Ihnen machen. Sie beide werden gleich in die Innenstadt aufbrechen. Abigail wird Ihnen zum einen die Stadt zeigen und einige wichtige Örtlichkeiten erklären und zum anderen wird sie Ihnen alle Wünsche bezüglich Ihrer Kleidung erfüllen, solang diese nicht zu ausgefallen sind. Das meiste wird sie selbst anfertigen, richten Sie sich also schon einmal darauf ein Ihre Studien die nächsten Tage regelmäßig für Anproben unterbrechen zu müssen." "A..a..aber ich habe doch gar kein Geld. Ich kann mir das alles noch gar nicht leisten." stammelte sie äußerst verlegen. Das wiederum irritierte ihn. Ihre Eltern hatten ihr doch sicher Mittel zur Verfügung gestellt, oder etwa nicht? Er musste sich doch noch einmal über sie informieren. Konnte es sein, dass ihr Geschäft so viel schlechter lief, als er erwartet hatte? Sicher sie lebten in den neuen Nordprovinzen, aber dem Namen nach waren sie aus dem Reich hinzugezogen und keine Skir. Das sollte doch eigentlich heißen, dass die Familie Geld hatte. Er würde sein Informantennetzwerk darauf ansetzen müssen. Es würde einige Tage dauern, bis sie die nötigen Informationen hatten, also musste er fürs erste darauf achten, dass er sich nicht im Ton vergriff. Er wollte das Mädchen nicht unnötig beschämen. "Da machen Sie sich mal keine Sorgen drum. Ich werde Ihnen eine volle Garderobe bezahlen und nein, das werde ich nicht von Ihrem Taschengeld abziehen. Betrachten Sie es als Investition in meinen guten Ruf. Ihr Taschengeld dient einzig und allein der Zerstreuung und Erholung. Ich erwarte, dass Sie fleißig lernen und gute Ergebnisse abliefern, nicht, dass Sie zum Eremiten verkommen. Alles was zum Leben notwendig ist, wird von mir gestellt, inklusive Lehrmaterial." "Da...danke." brachte sie noch hervor und schien völlig in sich zusammen zu sacken. Nach einem kurzen Moment begann sie leise zu schluchzen. "Habe ich etwas falsches gesagt?", fragte er leicht besorgt und irritiert. "Nein, Magister, es ist nur so, Sie sind so gut zu mir. Allein das, was Sie mir jetzt in Aussicht stellen, ist mehr als ich mir vor einer Woche noch für den Rest meines Lebens erhoffen konnte. Nicht mal mein Bruder, der in viel höherer Gunst bei meinen Eltern steht, hat zur Hochzeit eine ganze neue Ausstattung an Kleidung bekommen - also, und... also auf jeden Fall nicht mit so edlen Stoffen, wie Sie es tragen. Die sind ja handgewebt und die Weste ist bestimmt auch handbestickt, oder?", platzte es aus ihr heraus, unterbrochen von einigen Schluchzern und ein bisschen Schniefen. "Und jetzt geben Sie so viel Geld für mich aus und obwohl ich doch sicher allen hier unnötig zur Last falle, sind doch alle so gut zu mir. Das ist alles wie ein viel zu guter Traum...Wahrscheinlich werfen Sie mich eh nächste Woche wieder raus, weil ich was vergesse oder irgendwas doof mache oder weil jemand..." Sie verstummte, anscheinend überrascht von sich selbst. "Na ja, viel wäre jetzt aus meiner Sicht etwas übertrieben. Kira, ich bin reich, wie Ihnen das Haus vielleicht schon verraten hat. Sie neu einzukleiden, wird in meinen Bilanzen noch nicht einmal auffallen. Umgekehrt würde es aber auf mich zurückfallen, wenn sie zur Akademie oder zu irgendeinen gesellschaftlichen Ereignis gingen und dabei in der Kleidung einer einfachen Kaufmannstocher erscheinen. Ich bin als jüngster Magister seit vielen Jahren berühmt, jeder schaut auf mich und meinen Haushalt, und nicht wenige hoffen, einen kleinen Skandal zu finden, um sich zu profilieren. Es ist also nicht ganz selbstlos, wenn ich Sie nun neu einkleide. Und da ich mir natürlich bewusst bin, dass Sie sich das, was ich mir als standesgemäß vorstelle, nicht leisten können, zahle ich es auch. Andere Lehrmeister würden Ihnen das Geld wahrscheinlich recht drakonisch vom Lehrgeld, das die Gilde vorschreibt, abziehen, aber ich sehe nicht, warum ich das tun sollte. Meine Studienergebnisse haben mich zu einen sehr wohlhabenden Mann gemacht und derartige Kleinlichkeiten habe ich nicht nötig." antwortete er ihr. "Und was den Umgang angeht, auch wenn die drei meine Bediensteten sind, so bilden wir hier doch so etwas wie eine kleine Familie und Sie sind nun fürs erste Teil dieser Familie. Ich würde es schwer missbilligen, wenn einer der drei Sie anders behandeln würde, als sie mich behandeln. Aber es gilt auch, dass Sie jetzt das vorletzte Wort und ich das letzte Wort haben. Wenn Sie eine Anweisung erteilen wird dieser Folge geleistet, außer sie widerspricht einer meiner Anweisungen." Er wartete bis sie sich beruhigt hatte und nippte derweil an seinem Tee. William hatte ihn perfekt hinbekommen, genau die richtige Brühdauer, ein Löffel Honig und ein, zwei Tropfen Bergamotteöl, wie er ihn mochte. "Sie bekommen 7 Silbermünzen im Monat als Taschengeld im ersten Lehrjahr. Ich gebe die erste Rate Abigail gleich mit. Und im übrigen werde ich Sie nicht wegen des erstbesten Fehlers rauswerfen. Fehler passieren und gehören zum Lernprozess dazu. So und jetzt essen sie ordentlich, der Ausflug mit Abigail wird anstrengend genug.", endete er und griff sich sein angefangenes Brot wieder. Das gerade Gehörte besorgte ihn doch sehr. Es erschien fast so, als ob die Eltern ihr bewusst keine Mittel zur Verfügung gestellt hatten, so als wäre sie das schwarze Schaf der Familie. Die Frage war: Wieso? Oder hatte sie Kiras erste Magieerfahrung so erschreckt? Es war schon ein ungwöhnlicher Vorfall gewesen, durch den ihre Fähigkeiten entdeckt worden waren. Zum Glück hatte der Bürgermeister oder irgendjemand anderes mit Weisungsbefugnis richtig gehandelt und die Gilde informiert. Wer weiß, was dem Mädchen sonst passiert wäre. Das Bild der Magie war in den nördlichen Regionen immer noch stark durch das hexendominierte Erbe der Skir geprägt und so wie er gehört hatte, war der Aberglaube immer noch groß, bis hin zu einigen Hexenverfolgungen, die leider nicht immer von der Obrigkeit unterbunden worden waren. Konnte es also sein, dass ihre Familie sie verstoßen hatte? Aber nein, so wie es sich eben anhörte, ging es noch tiefer. Er musste unbedingt mehr heraus finden, auch um das Mädchen und wichtiger noch sich selbst zu schützen. Am Schengstag würde er sich wieder mit Titus Tarens, seinem wichtigsten Informanten, treffen. Vorher konnte er nichts weiter tun, als Kira zu beobachten und vorsichtig auf Stichwörter einzugehen. Kiras Verhältnis zu ihrer Familie schien sie sehr zu belasten und er wollte sie deswegen nicht ohne konkreten Anlass zu sehr bedrängen. Also hieß es abwarten. Er beendete sein Frühstück, verabschiedete sich von ihr und wünschte ihr einen schönen Tag.

Abigail holte Kira, die tatsächlich zu Williams Erstaunen fast alles vom Teller aufgegessen hatte, eine halbe Stunde nach dem Frühstück in ihrem Zimmer ab. Die Haushälterin trug nun ein Wollkleid aus einer sehr fein gestrickten Wolle und darüber einen Mantel mit Pelzbesatz und einen dazu passenden Hut. Sie sah so edel aus wie Kiras Mutter an einem Sonntag und strahlte dabei mindestens doppelt so viel Vorfreude aus. "Komm, zieh dir rasch deinen Mantel an!" Sie hielt ihn ihr hin, so dass Kira bequem hineinschlüpfen konnte. "Die Kutsche wartet schon draußen." Kira folgte ihr. Die Vorfreude von Abigail färbte ein wenig auf sie ab, auch wenn sie sich gleichzeitig irgendwo zwischen beschämt, schüchtern, neugierig und überfordert fühlte. Sie traten vor das Haus, wo am Tor tatsächlich eine kleine Stadtkutsche wartete. Es schneite schon wieder. Kira holte Luft und versuchte, eine Schneeflocke mit der Zunge zu fangen, wie sie es immer bei Schnee tat. Die Luft war irgendwie... kälter. Schneidener. Das muss am Hochland liegen, schoß es ihr durch den Kopf. Die Luft ist vermutlich trockener, so weit im Landesinneren. Abigail lief zur Kutsche voraus und öffnete ihr die Tür. "Mylady, bitte steigen Sie ein." Kira schaute sie ob der neuen Anrede einen Moment verblüfft an, so höflich war sie sonst nur bei der ersten Begrüßung gewesen, doch dann wurde ihr klar, dass der Kutscher natürlich nicht zum Haushalt gehörte, und sie dachte wieder an die Predigt zu ihrem neuen Stand, die Mitras ihr gerade gehalten hatte. Sie nickte Abigail also nur kurz zu und bestieg dann vor ihr die Kutsche, um sich dort möglichst nah an das Fenster zu setzen. Sie war neugierig. Natürlich hatte sie schon einige Teile von Uldum gesehen, als man sie vom Bahnhof zur Akademie geführt hatte, aber das hatte sich auf eine prunkvolle Straße mit etlichen Palästen und Parkanlagen beschränkt, die ihr Führer ihr auch nicht weiter erläutert hatte. Abigail wechselte eine Sätze mit dem Kutscher und stieg dann zu Kira in die Kutsche, die sich ein wenig ruckelnd in Gang setzte. Die Straße machte einen kleinen Bogen um einige eingezäunte Villen wie die von Magister Mitras herum, dann wurde sie schmaler und die Bebauung änderte sich: Die Vorgärten und Mauern um die Gebäude verschwanden, nun schmiegte sich Hauswand an Hauswand. Die Häuser waren drei- oder vierstöckig, bei vielen gab es in unterem, etwas höheren Geschoß Werkstätten. Kira sah einen Schmied neben einer Schneiderei, daneben eine kleine Bäckerei, aus der ein verlockender Duft über die Straße zog. Der Kutscher rief laut, um ein paar Kinder zu vertreiben, die vor der Bäckerei spielten - vermutlich auch, um bei Gelegenheit die Kunden um eines der Brötchen anbetteln zu können, dachte Kira, der auffiel, wie schmal und hungrig die kleinen Leiber aussahen. Sie kannte Hunger - der Krieg um die Gebiete nördlich des Olfiat, zu denen auch der Distrikt Burnias gehörte, in dem Bispar lag, war zwar schon seit fast hundert Jahren beigelegt, aber die Winter waren immer noch lang und trotz der guten Marschlande war das fruchtbare Land nicht in jedem Jahr bereit gewesen, für alle genug Korn und Obst zu produzieren. Kiras Eltern waren stets reich genug gewesen, schlimmere Phasen von ihr selbst abzuwenden, aber sie hatte gesehen, dass es anderen nicht immer so gut erging. Die Kinder hier waren nicht völlig am verhungern, aber sie waren arm. Kira spürte, wie ihr eigenes Privileg, ihr Glück, sie überwältigte, und sie dankte allen guten Geistern, die ihr einfielen, für ihre Gabe und die Möglichkeiten, die ihr neuer Lehrmeister ihr bot. Einige der Werkstätten, fiel ihr auf, waren bereits richtige Manufakturen, man konnte Ruß und Dampf aus den Schornsteigen steigen sehen, von den Dampfmaschinen. Einmal musste sie fürchterlich husten, als eine Rußwolke vom Wind über die Straße gedrückt wurde, und auch Abigail fluchte leise, während sie sich bemühte, den Gestank mit ihrem Hut wieder aus der Kutsche zu wedeln. Kira stellte erstaunt fest, dass sie dabei einige Worte einer Sprache benutzte, die sie nicht kannte. Das war nicht Skirdisch, und es klang auch nicht nach Angshire. Ob das Astellianisch war? Woher kannte Abigail die Sprache? Kira selbst kannte Skirdisch natürlich, bis vor 150 Jahren hatte Bispar noch zum nördlichen Reich Skirgard gehört, und auch wenn die Gemeinsprache Rasenna das Skirdische verdrängt hatte, so wurde es doch im gesamten Gebiet noch verwendet. Der größte Teil ihrer Familie, soweit sie ihn zumindest kannte, stammte aus Albion und war erst nach der Erorberung über den Olfiat in die neuen Provinzen gewechselt. Zwar sah sie selber denen, die noch aus Skirzeiten die Region bewohnten, durch ihre roten Haare ähnlich, aber ansonsten hatte sie mit Skir selber nichts zu tun. Zum Glück, wie Kira fand, so auszusehen, war schon schlim genug. Die Eroberung durch Albion war ihrer Meinung nach eigentlich ein ziemlicher Glücksgriff für die Region - sie war einigen Skirgardern begegnet, und die waren zumeist nicht so kultiviert, sondern eher wild, laut und ungestüm. Allgemein sagte man ihnen nach, sie seien grausame Räuber. Wie Kira selbst am eigenen Leib erfahren hatte, waren die Skir so ziemlich das Lieblingsfeindbild aller Menschen im Norden. Ohne die Herrschaft Albions wäre vermutlich auch etwas wie der Fernbesuch der höheren Schule gar nicht denkbar gewesen, nach allem, was Kira über Skirgard wusste, war das Land nicht so gut organisiert wie Albion, das auf der jahrhunderte alten Tradition des großen Rasenna-Reiches aufbaute, das zuvor beinahe den gesamten Kontinent beherrscht hatte. Kira schmunzelte bei der Erinnerung an ihre Geschichtsprüfungen zur Geschichte Albions. Auf die glorreichen Nordkriege und welche Vorteile sie den eroberten Provinzen gebracht hatten, hatte ihr Lehrer viel Wert gelegt, und Kira war froh gewesen, dass er dank des Fernunterrichtes sie nicht immer gesehen hatte, wenn er mal wieder über die rothharigen Hexen und die grausamen Schlächter mit den blutroten Bärten hergez. Die Eroberung des Westens des alten Reiches durch die angshirischen Seefahrer aus dem Westen hatten Kira viel mehr interessiert, doch dazu gab es nur wenige Quellen. Bruder Harras hatte dazu gesagt, dass es ja wohl verständlich sei, den Geschichte würden die Sieger schreiben, nicht die Verlierer, und deswegen gäbe es zum Thema der Angshire erst seit neustem in Albion überhaupt Geschichte zu schreiben. Der Gedanke an Bruder Harras ließ Kira ein wenig seufzen, so dass Abigail sie kritisch anschaute und aufhörte, mit dem Hut zu wedeln. "Schau, dort ist der Fluss, der Avens, der unserer ganzen Region den Namen gab. Wir fahren gleich über die Brücke, die dem Zusammenfluss von Avens und Corvio am nächsten ist." Sie zeigte nach draußen, wo sich tatsächlich nun der Blick auf eine breite Uferpromenade und eine fast vier Kutschen breite Brücke öffnete, die in einem hohen Bogen über das grau-gelbe Wasser des breiten Stromes führte. Es hatte aufgehört zu schneien. Die Sonne glitzerte auf der Wasseroberfläche und blendete Kira ein wenig, also schaute sie nach rechts, wo von Westen das deutlich blauere Wasser des Corvios heranfloß. Während sie über die Brücke fuhren, beobachtete Kira fasziniert, dass die beiden Gewässer sich gar nicht sofort mischten, sondern, soweit sie es sehen konnte, beinahe nebeneinander her floßen. Allzu rasch passierten sie ein großes Tor in einer Stadtmauer, die den Stadtbereich vor ihnen umgab. "Nun beginnt die Altstadt.", erklärte Abigail. Die Kutsche fuhr auf einen großen Platz, der an der südlichen Seite von einer sternförmigen Mauer begrenzt war. Zu ihrer Linken, also nördlich, stand eine Reihe von Bäumen, die nun kahl waren und durch ihre auffällige Rinde für Kira leicht als Plantanen zu erkennen waren, auch wenn sie solche Bäume noch nie gesehen hatte. Hinter den Bäumen waren die aufwendig verzierten Fassaden von dreigeschoßigen Häusern zu erkennen, die zwar an einigen Stellen noch den Schnitt antiker Gebäude aufwiesen, aber eindeutig den modischen Trends der letzten Jahre gefolgt waren und durch aufwendige Restaurierungen mit viel Stuck und Figuren ausgebaut worden waren. Der Kutscher lenkte das Gefährt zu einem Kutschenparkplatz an der Mauer. Währenddessen öffnete Abigail ihre Börse, zählte einige Silberstücke heraus und reichte sie Kira. "Magister Mitras bat mich, Ihnen Ihr Taschengeld gleich zu geben. Aber für heute stecken Sie es weg, ich habe genug Geld bekommen, um alles zu bezahlen, was Mylady braucht." Kira dankte und nahm die Münzen. Sieben Silber war ganz schön viel, fand sie. Sie steckte sie in ihre Börse und versteckte diese sorgältig unterm Mantel. Abigail stand auf, öffnete die Wagentür und reichte Kira die Hand, um ihr beim Aussteigen zu helfen. "Der Kutscher wird hier auf uns warten. Wir werden erstmal zu Peeks gehen, die haben ganz schöne Kleider fürs Haus, auch mal was gemütliches, und Mylady kann eines gleich anbehalten, sie sehen auch gut genug für die Stadt aus." Kira nickte und ließ sich von Abigail in eine der Gassen führen, die in nördlicher Richtung vom Platz abzweigten. Schon nach einigen Metern blieben sie vor einem Haus mit großen Schaufenstern stehen. An zwei Schaufensterpuppen waren ein rotbraunes und ein gelbes Kleid ausgestellt, das Fenster war zudem geschmackvoll mit Laub und einigen großen Ästen geschmückt. "Ts!", sagte Abigail, "sie haben die Winterkollektion noch nicht ausgestellt, mal sehen, vielleicht bekommen wir einige Herbstmodelle günstiger, die stehen Ihrer Haarfarbe besser als das Winter-Blau, das jedes Jahr so überraschend wieder ganz aktuell ist." Sie zog die Vokale bei "überraschend" und "ganz" überdeutlich in die Länge, und Kira musste trotz des konstanten Gefühles von Überforderung lächeln. In Bispar war man froh, wenn man Sommer- und Winterkleidung hatte, spezielle Kollektionen gab es nicht, auch wenn Kira durchaus in Zeitungen davon gelesen hatte. Dass Abigail den Rummel um spezielle Kollektionen für etwas albern hielt, fand sie erholsam in all den Regeln, Schickschnack und Pomp, die die Hauptstadt wohl prägten. Sie folgte ihrer Füherin in den Laden. Beim Eintreten klingelte eine kleine Glocke, und sie hörten eine weibliche Stimme rufen. "Ich bin gleich da!" Kira schaute sich um. Auf Kleiderstangen hingen verschiedene Kleider an den Wänden, und in der Mitte des Raumes stand eine Gruppe von lebensgroßen Puppen zusammen, die offenbar schon winterliche Mode trugen: Die Farben war dunkel und bläulich. Kira gefiel eines der Kleider, weil es aus zwei Stoffen bestand: Unter einem fast transparenten, hellblauen Stoff, in den kleine Sterne oder Blüten gestickt waren, lag ein dunkler, etwas schimmernder, fester Stoff. Unter der Brust wurden beide mit einer goldenen Bordüre zusammengehalten, die sich auch an den langen, an den langen Ärmeln wiederfand und mit einem Muster als Halbmonden bestickt war. Abigail folgte ihrem Blick und schnalzte leicht mit der Zunge. "Sie haben Geschmack, Mylady. Das ist wirklich ein schönes Kleid, wie eine klare Nacht voller Sterne." Kira nickte. "Glauben Sie, es steht mir?" Abigail lächelte und nickte der Frau mittleren Alters zu, die gerade die Treppe von oben herab in den Laden kam. "Das werden wir sehen. Guten Tag, Frau Peek! Wir suchen eine neue Gaderobe für diese Lady. Können wir mit dem Kleid hier beginnen?" Frau Peek, offenbar die Ladenbesitzerin, starrte Kira kurz an, nickte dann eifrig und begann sofort, die Schnüre des Kleides zu lösen. "Wir haben dort hinten einen Bereich zum Umziehen, da können Sie den Mantel ablegen und die Kleidung wechseln. Brauchen Sie noch eine Gehilfin zum Umziehen?" Kira schüttelte den Kopf. Einige der Kleider im Laden waren in der Taille aufwendig geschnürt, aber mit Abigails Hilfe würde sie sie sicher anziehen können. Immerhin müsste sie sie später ja auch alleine anziehen können, dachte sie, und fragte sich, ob sich adelige Mädchen denn je sebst anziehen. Sie ging zum Umkleidebereich und zog Mantel, Schuhe und ihr schlichtes grünes Leinenkleid aus. Als sie ihre Haare aus dem Ausschnitt schob, dachte sie kurz an den Blick der Verkäuferin. Sie hatte auf ihre Haare geschaut. Alle schauten immer erst auf ihre Haare. Vielleicht sollte sie sie färben, überlegte sie. Abigail brachte ihr das neue Kleid, und Kira schlüpfte hinein. Es war offenbar ein wenig zu groß und schliff unten auf dem Boden, auch an der Brust musste sie etwas festhalten, damit es nicht rutschte. Abigail trat prüfend einige Schritte zurück und nickte wohlwollend. "Ja, das steht Mylady. Ich muss es nur ein wenig anpassen. Schauen Sie hier!" Sie zog den Vorhang des Umkleidebereiches ein wenig zur Seite und zeigte auf einen bodentiefen Spiegel, der dort an der Wand stand. Kira machte vorsichtig einige Schritte darauf zu und bewunderte dann im Spiegel, wie die Sterne des Stoffes bei jeder Bewegung leicht über den Stoff dahinter glitten. "Es ist wunderschön!", hauchte sie. "Na, dann nehmen wir es. Eine schöne Kette dazu und ein passender Hut, dann kann man damit sogar abends Gäste empfangen, auch wenn der Schnitt nicht ganz dem neusten Stil entspricht. Ziehen Sie es aber wieder aus, ich schaue mal nach einigen mit ähnlichem Schnitt, die etwas kleiner sind. Die neumodischen Sachen sind eher unbequem, habe ich gehört." Kira tat, wie geheißen, und Abigail brachte nach einem kurzen Austausch mit der Ladenbesitzerin weitere Kleider, die sie nach und nach anprobierte. Sie fanden ein burgunderfarbenes, dass eine ähnliche goldene Bordüre hatte und bereits die richtige Länge und Größe, außerdem zwei grünliche, die eng am Oberkörper geschnürt werden konnten, aber kein Korsett hatten, so dass sie die Bewegungen nicht stark einengten. Die Röcke dazu waren dafür umso weiter, sie bauschten sich geradezu auf, besonders hinten. "Das betont die wundervolle weibliche Figur!", warb die Verkäuferin. "Ist diesen Sommer erst in Mode gekommen, und wir haben es hier der Bequemlichkeit wegen ohne die Stahlringe umgesetzt, dann kann man auch noch einen Kunden gut bedienen." Sie zwinkerte und drehte sich elegant, um ihren eigenen Rock zu zeigen, der ähnlich geschnitten war, allerdings aus einem etwas schlichteren Stoff bestand. Abigail rümpfte ein wenig die Nase. "Mylady kann sicher einige bequeme Sachen gebrauchen, aber sie wird keine Kunden bedienen. Ihr solltet da besser nichts verwechseln." Die Verkäuferin zuckte leicht zusammen und schaute kurz zu Kira, die ob der harschen Worte von Agigail rot anlief, aber in Erinnerung an die Standpauke von Mitras schwieg. "Verzeihung, Mylady. Das war natürlich nicht so gemeint.", entschuldigte sich die Handwerkerin. Kira nickte ihr zu und hoffte innerlich, dabei einigermaßen vornehm auszusehen. Bei einem der beiden grünen Kleider war die Brust mit Rüschen verziert, die andere hatte - sehr elegant, wie Abigail feststellte - eine doppelte Reihe von Knöpfen aus dem Horn von Zirgas, die im Gebirge Sitair westlich von Uldum lebten und als besonders selten galten. Die Verkäuferin betonte außerdem, seit dem Eingriff von Abigail noch deutlich förmlicher, dass die Farbe des Kleides hervorragend mit Kiras Haaren harmoniere, die Farben brächten dieses "seltene, überausschöne Rot" gut zur Geltung. Kira fragte sich, ob sie das ernst meinte, oder sich über sie lustig machte, doch nichts in ihrer Stimme lies vermuten, dass sie die Haare nicht tatsächlich schön fände, was Kira verwunderte. Frau Peek empfahl, im Nachbargeschäft Clopenbarg vorbeizusehen, man hätte sich den Stoff damals geteilt und es gäbe deswegen dort passende Fächer und Sonnenschirme. Abigail nickte dazu. "Ja, das hatten wir vor. Wir nehmen alle vier.", entschied sie, nachdem sie scheinbar Kira mit einem Blick um ihre Meinung gefragt hatte. In Wirklichkeit hatte Kira nicht das Gefühl, hier viel zu entscheiden, und sie wusste nicht, wie sie sich zwischen Freude, Unglauben und Scham ob ihres unverschämten Glückes entscheiden sollte. Die Kleider waren wunderschön, fand sie. Die beiden grünen betonten sogar ihre Brust ganz hervorragend. Kira drehte sich mit dem geknöpften Kleid - eigentlich war es ein Dreiteiler aus Rock, Bluse und Jacket - etliche Male vor dem Spiegel und bewunderte den feinen Stoff zwischen ihren Händen und die vorteilhafte Form, in die es Taille und Brust brachte. Sie sah wirklich erwachsen darin aus. Und auf keinen Fall wie jemand aus der hinterletzten Provinz. Eine elegante Dame. Den taillenbetonten Schnitt, erklärte ihr Abigail später, war erst vor wenigen Jahren wieder aufgekommen, zuvor trug man auch in Uldum nur die unter Brust geschnürten und gerade nach unten fallenden Kleider wie das Sternenkleid, die das Augenmerk mehr nach oben auf die im Sommer sogar manchmal freiliegenden Schultern lenkten und die auch in Lührenburg und Bispar zu festlichen Anlässen verbreitet waren. Während Kira sich noch selbst bewunderte, hatte Abigail längst die Modalitäten von Zahlung und Lieferung geklärt und die Handwerkerin verabschiedete sich mit einer deutlich tieferen Verbeugung als bei der Begrüßung von Kira. Das geknöpfte Kleid, so Abigails Entscheidung, behielt Kira gleich an. Tatsächlich war das eine sehr schlaue Entscheidung, denn bei Clopenbargs, die wirklich nur zwei Häuser weiter ihren Verkaufsladen hatten, fanden sie wie angekündigt dazu passende Handschuhe, zwei Fächer, drei Sonnenschirme und jeweils einen Hut mit passenden Bändern, wobei einer der Hüte innen mit zartem, weichen, weißen Fuchsfell gefüttert war, was Kira sehr bedauern ließ, dass sie das dazu passende Kleid mit den Sternen nicht jetzt gleich tragen konnte. In einem kurzen Moment, als der Verkäufer gerade ins Hinterzimmer ging, fragte Kira Abigail zweifelnd, ob denn drei Sonnenschirme nicht zu viel seien, doch Abigail wischte ihre Bedenken mit einem geflüsterten "Kindchen, genieß doch einfach! Wir waren ja noch nicht mal beim richtigen Stoffladen." beiseite, und setzte ihr dann einen der Hüte auf, der mit goldenen und grünen Bändern unter dem Kinn geknotet wurde.
Dort gingen sie allerdings danach hin. Abigail führte sie durch einige Gassen zu einer uralten Mauer, die sich quer durch die Stadt zog und sogar die etwas höheren Häuser überragte. Ein aufwendig verzierter Torbogen ermöglichte es, hindurchzutreten, war aber vermutlich höchstens für einen Reiter breit genug, wie alle Gassen der Altstadt. "Das ist die alte Stadtmauer. Es gibt zwei Tore nach Norden hin. Dies hier ist das Nordtor, das andere heißt Bibliothekstor, weil die große Bibliothek von Uldum direkt daneben liegt.", erklärte Abigail. "Eine Bibliothek? Kann dort jeder hinein?" Abigail schüttelte den Kopf. "Nein, man muss einen Ausweis beantragen. Aber wenn du möchtest, können wir später dorthin gehen und ich bürge für dich. Ich habe ein Siegel von Magister Mitras immer bei mir, das hilft, sich Ärger vom Hals zu halten und wird dir auch leicht eine Berechtigung für einen Ausweis gewähren." Sie sprach leise, so dass die familiäre Ansprache nicht auffiel. Kira bewunderte, wie schnell Abigail zwischen der resoluten, aber absolut auf ständische Korrektheit bedachten Bediensteten und der warmherzigen Freundin und Mutter so rasch wechseln konnte. Sie folgte ihr durch einige Gassen, die nun etwas breiter waren. Auch die Häuser dieses Teils der Stadt sahen anders aus: Die meisten hatten nun vier Geschosse, die Fassaden waren weniger aufwendig verziert und an einigen Stellen sah man den Gebäuden ihr Alter deutlicher an. Plötzlich öffnete sich die Gasse und sie betraten einen großen, rechteckigen Platz, auf dem nun zur Mittagszeit ein reges Treiben herrschte. An einigen Ständen in der Mitte des Platzes konnte man Snacks und Getränke kaufen, und die Händler hatten Tische und Stühle zu kleinen Sitzgruppen unter großen Sonnenschirmen arrangiert. Kira spürte, dass sie eigentlich schon wieder Hunger hatte, doch Abigail zog sie in einen Kontor an der Kante des Platzes. Anders als in den Läden, in denen sie zuvor waren, handelte es sich hier mehr um eine große Lagerhalle, in der Ballen um Ballen Stoffe, Teppiche und Felle aufgetürmt lagen. Als der dicke Mann, der gerade an einem Tresen im Hintergrund etwas schrieb, die beiden bemerkte, ging ein Strahlen über sein Gesicht. Er wieselte eifrig auf sie zu, mit ausgebreiteten Armen, und rief: "Abigail! Mein Mädchen! Endlich kommst du mal wieder!" Abigail lachte ihn freundlich an, wehrte aber die angedeutete Umarmung ebenso elegant wie bestimmt ab. "Matthes, natürlich komme ich wieder, was hast du erwartet?" Sie trat einen Schritt zur Seite, so dass er Kira sehen konnte. "Darf ich dir meine neue Lady, Kira Silva, zukünftige Discipula von Magister Mitras, vorstellen?" "Madame, eine Ehre, eine Ehre!" Der Mann verbeugte sich tiefer und mit mehr Gelenkigkeit, als Kira ihm bei seiner Leibesfülle zugetraut hätte, blinzelte ihr dabei aber auch zutraulich zu. Kira musste unweigerlich lachen, so witzig sah er dabei aus, und so ließ sie es auch zu, dass er ihre Hand ergriff und einen angedeuteten Kuss darauf hauchte. "Wie kann ich euch dienen, Mylady?", sagte er, eindeutig zu höflich und ihren Stand durch das Pronomen erhöhend. "Ich werde endlich mal wieder nähen können. Wir brauchen also Stoffe - für zwei Abendkleider, einen Mantel, eine Jacke und, naja, vielleicht noch ein oder zwei Alltagskleider. Und natürlich Stoffe für zwei Magierroben, und Silberfaden, wenn du hast.", sagte Abigail an Kiras Stelle. Kira blickte sie erstaunt an. Bei allen Geistern. Sie rechnete kurz nach. Acht neue Kleider? Plus Mantel und Jacke? Plus Magierroben? Und dann auch noch Accessoires? Das war fast genauso viel, wie die Tochter des Bürgermeisters von Lohwingen, die wirklich viel für Kleider ausgab, als Mitgift in die Ehe mitgebracht hatte! Kira spürte, dass ihre Wangen schon wieder rot wurden. Sie hatte in den letzten zwei Jahren insgesamt zwei neue Kleider bekommen, und dass auch nur, weil Adrian ihrer Mutter eine Weile in den Ohren gelegen hatte, dass seine Lieblingsschwester unmöglich in immer ein und denselbem Kleid zu den Prüfungen in Lührenburg reisen konnte. Kira schmunzelte bei der Erinnerung. Adrian kannte ihre Mutter nur zu gut, was die anderen dachten, war ihr wichtig. Er hatte gewusst, dass sie dieses eine Winterkleid gerne gehabt hätte, also hatte er ihre Mutter zum richtigen Zeitpunkt mit dem Hinweis auf Lührenburg gnädig gestimmt, damit Kira sich genau dieses Kleid aussuchen konnte, obwohl es 25 Silber gekostet hatte. Ein warmes Gefühl von Liebe für ihren älteren Bruder durchflutete Kira. Sobald es ihr möglich war, würde sie ihm einen Brief schreiben, beschloss sie, und am besten auch etwas aus der Hauptstadt beilegen, vielleicht eine von den edlen Fliegen, die sie eben bei Clopenbargs gesehen hatte. Sie hatte allerdings auch das Preisschild gesehen, also würde der Brief wohl noch eine Weile warten müssen, denn 10 Silber waren mehr, als sie in einem Monat als Lehrgeld bekam. Vermutlich war es mehr, als ihr Bruder in einer Woche verdiente. Und sie hatte gedacht, die sieben Silber seien viel! Aber nächsten Monat würde sie genug haben, denn eigentlich musste sie sich ja nichts kaufen, sie bekam ja alles, und bis dahin würde sie auch einiges berichten können. Und wissen, ob es wirklich nicht alles nur ein Traum war. Abigail war, während Kira in Erinnerungen versunken war, schon mit Matthes weiter im Kontor verschwunden und diskutierte nun mit ihm über einer Zeitschrift, in der er ihr wohl einige Modelle von Kleidern zeigte, wie viel von einem violetten, samtigen Stoff, vor dem sie gerade standen, man wohl für die Ärmel brauchen konnte. Kira schlenderte zu ihnen herüber und schaute neugierig auf das Heft. "Ah, Mylady, setzt euch doch dort drüben hin und schaut in die Magazine. Wenn euch etwas gefällt, wird unsere beste Abby es Ihnen bestimmt anfertigen können. Vielleicht findet ihr ja sogar etwas, dass zu eurer prächtigen Haarfarbe passt." Mit diesem Worten deutete der Händler auf eine kleine Sitzecke im hinteren Teil des Raumes. "Wirklich, Abby, wenn du noch schneidern würdest, müsstest du sie als Model nehmen. So eine seltene Farbe und so schön leuchtend!" Kira wurde etwas rot ob des nun zweiten Lobes für ihre von ihr so ungeliebte Haarfarbe und schaute zu Abigail, die Matthes spielerisch in die Seite knuffte, als er Kira als Model anpries, nun aber sie anschaute und  zustimmend nickte. Also ging Kira zur Sitzecke. Hinter ihr pfiff Matthes laut, woraufhin ein etwa 11jähriger Junge in der hinteren Tür auftauchte. "Mat, bring der Dame etwas Tee und Gebäck." Der Junge nickte, wendete sich um und kehrte nach eine Weile mit einem Tablett, auf dem eine dampfende Tasse und verschiedene Kekse lagen, zur Sitzecke zurück. Er reichte es ihr mit einer gelenkigen und merkbar geübten Verbeugung, ehe er sich wieder zurückzog. Dankbar nippte Kira am Tee und blätterte in den Magazinen, die auf dem Tischen lagen. Es handelte sich offenbar um Modezeitschriften, in denen verschiedene Modelle von Kleidern beworben wurde. Eines hatte sogar Fotos von echten Modellen statt Zeichnungen. Kira betrachtete die Fotos interessiert. Sie hatte gehört, dass man für diese Bildaufnahme lange still sitzen oder stehen musste. Tatsächlich wirkten die Frauen auch etwas steif auf den Bildern, aber das konnte auch an den aufwendigen, mehrlagigen Ballkleidern mit ausladenen Röcken liegen, die sie trugen. Bei einigen waren auch die Krägen so steif aufgerichtet, bis hin zu großen Bögen im Nacken, dass Kira überlegte, ob sie nicht vielleicht immer so steif stehen bleiben mussten, wie die Bilder es zeigten. Aber es gab auch wirklich schöne Kleider. Eine ganze Weile bewunderte sie ein Modell auf einer der Farbzeichnungen mit schwarzem und rotem Stoff, bei dem die Raffungen durch kunstvolle Rosen aus Stoff gehalten wurden. Das Oberteil lag wie das, das sie gerade trug, eng an, ließ aber Schultern und Dekolleté frei. Die Frau auf der Zeichnung hatte auf jeden Fall dadurch eine sehr schmale, deutlich betonte Taille, was Kira gefiel. Es sah edel aus, fand sie. Sie trug auch eine passende Kette und Ohrringe, die wie winzige Rosen aussahen, und das Rosenmotiv fand sich auch auf dem Stoff der Ärmel und, wenn sie das Bild richtig deutete, auf einigen Bahnen des Oberteils wieder. Abigail, die ihre Diskussionen über das erste Kleid wohl abgeschlossen hatte, schaut über Kiras Schulter und räusperte sich. "Gefällt Ihnen das, Mylady?" "Ja, ich mag Blumen.", antwortete Kira. "Und diese schmale Taille ist vermutlich ziemlich unbequem, aber sieht wirklich gut aus, oder?" Abigail dachte einen Moment nach. "Ja, das könnte man mit einem Korsett machen. Ihr Körperbau passt auch dazu, Sie haben genug Hüften und schon von Natur aus eine schmale Taille und schöne Brüste, da wird man sogar ohne viel Hinterstopfen eine gute Silouette formen können." Sie rieb sich begeistert die Hände. "Da hinten gab es einen Stoff, der dazu passen könnte. Wartet hier, ihr werdet das Ergebnis mögen." Kira nickte. Sie würde alles mögen. Sie liebte es jetzt schon. Und sie würde es mit Stolz tragen, wie eine richtige Prinzessin. Oder eine richtige Magierin, schoß es ihr durch den Kopf. Sie würde auf Bälle gehen können, mit so einem Kleid. Oha. Sie würde die ganzen Regeln für soetwas lernen müssen, wurde ihr bewusst. Wenn schon Einkaufen sie überforderte, dann würde es ein Besuch in den höheren Kreisen der Geselllschaft erst recht. Sie aß die Kekse auf und beobachtete, wie Abigail und Matthes nach und nach durch den Raum wanderten und Matthes dabei Abigails Bestellungen aufnahm. Eigentlich war es ziemlich gemütlich hier, und das Murmeln von Matthes, Abigail und einigen anderen Kunden und einer weiteren  Händlerin, die diese bediente, war eine angenehme Kulisse. Kira spürte, wie einiges der Anspannung des Morgens von ihr abfiel, und sie fast ein wenig dösig wurde, während die Zeit verstrich. Diese Bibliothek, die Abigail erwähnt hatte, interessierte sie. Vermutlich würde es dort ein Buch über die Regeln in Adelshäusern und zum Umgang mit Magiern geben. Nochmal eine Standpauke von Mitras wollte sie auf keinen Fall riskieren. Schon gar nicht, nachdem er ihr gerade so großzügig neue Kleider und anderes bezahlte. Sie legte den Kopf nach hinten in den Sessel und schloss die Augen, ohne jedoch ganz einzuschlafen.

Etliche Zeit später kehrte Abigail munter schwatzend mit Matthes zu ihr zurück. Sie unterhielten sich über die Prüfungen zur Akademie der Elementarmagier, die wohl vor kurzem gewesen war und über die es einen langen Bericht in der Zeitung gegeben hatte, wie Kira aus dem Gespräch vermutete. Anscheindend war ein junges Mädchen dadurch aufgefallen, dass ihr Gesicht trotz offenbar versuchten Heilzaubern von hässlichen Brandnarben gezeichnet war, sie aber dann einen besonders guten Eiszauber gezeigt hatte. "Na, verbrennen tun die sich doch alle mal!", sagte Matthes leicht abfällig. "Die Magier, die sind ein besonderes Volk. Die schützen uns, ja, und ist ja auch praktisch, aber in der Nähe sein will man bei so einem Elementarzauber ja nun nicht sein." Er senkte die Stimme und blickte kurz zu Kira hin, als wolle er nicht, dass sie ihn verstände: "Und bei anderen auch nicht unbedingt. Wie hälst du das nur immer aus, Abby?" Kira schaute beschämt zu Boden. Gespräche auch aus einiger Entfernung verstehen zu können, war eine durchaus praktische Sache, aber manchmal wünschte sie sich wirklich, sie würde nicht jedes Mal hinschauen. Magier waren notwendig. Und böse. Die Unsicherheit und Angst, mit der der Händler sie kurz gemustert hatte, kannte Kira. So schauten die Dorfbewohner von Bispar auch den Magier an, der in Lührenburg den Bezirksrat beriet. Und noch viel mehr hatten sie sie so angeschaut, als sie hinter Johann aus dem Gang getreten war. Abigail zischte etwas, was Kira nicht verstand, da sie nicht hinschaute, und trat dann auf sie zu. "Mylady, wir sind hier fertig. Wünscht ihr noch etwas von der Stadt zu sehen?", fragte sie freundlich und beugte sich dabei zu ihr. Kira nahm sich innerlich zusammen. Mit der Furcht würde sie sich wohl anfreunden müssen. Es gab auch Menschen wie Abigail, William oder Tobey, rief sie sich in Erinnerung. Sie blickte zu Abigail hinauf: "Die Bibliothek?" "Achja!" Abigail schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. "Ja, natürlich. Da führe ich d... Sie gleich hin. Kommen Sie!" Sie hielt ihr die Hand hin, und Kira ergriff sie, um aufzustehen, und hakte sich dann beim angebotenen Arm unter, was aufgrund der Tatsache, dass die Haushälterin etwas kleiner und deutlich rundlicher als Kira war, ein wenig seltsam aussehen mochte. Kira jedoch spürte, dass die weiche Wärme, die Abigail ausstrahlte, und die warme Hand, die sie ihr auch auf den Arm legte, ihr Unwohlsein vertrieben. Sie überlegte, was sie wohl einer Haushälterin schenken oder geben dürfte, um ihre Dankbarkeit zu zeigen.

Draußen auf dem Platz schien die Sonne schon zwischen den Häuserdächern hervor und tauchte die verschneiten Dächer in glitzeriges, goldenes Licht. Die Gaslaternen waren noch aus, aber das tiefe Sonnenlicht brach sich in den Kristallgläsern und brachte auch sie zum Funkeln. Kira staunte, dass die Stadt, die ihr zuvor so eng und dreckig vorgekommen war, so hübsch aussehen konnte. Abigail führte sie über den Platz. "Das ist sie schon, die berühmte Bibliothek!" Sie deutete auf ein Gebäude, dass eindeutig aus der Rasenna-Zeit stammte, mit wuchtigen Marmorsäulen vor einer fensterlosen Wand, die die umliegenden Gebäude um mindestens ein Stockwerk überragte. "Der Eingang ist um die Ecke." Sie gingen um die Ecke des Gebäudes in eine etwas breitere Gasse, die vom Platz wegführte. Der Eingang der Bibliothek war ebenfalls von Säulen eingefasst, mit einer auffälligen Treppe. An den Wänden sah Kira Reliefs, die offenbar Eroberungen und Kriegszüge des Reiches darstellten. Angesichts der Detailstiefe waren sie vermutlich magisch graviert worden. Abigail führte sie durch die das breite Eingangstor und wandte sich dann gleich nach rechts, wo eine Angestellte an einem kleinen Tresen saß. Kira brauchte einen Moment, ihre Augen an das Dunkel zu gewöhnen, doch dann sah sie, dass der kleine Eingangsbereich sich durch einen Gang nach hinten hin zu einen scheinbar riesigen Büchersaal öffnete. Abigail trat an den Tresen heran und grüßte die Frau mit einem höflichen Knicks. "Wir würden gern ein neues Bibliothekskonto für meine Herrin eröffnen lassen." Die Bibliothekarin musterte Kira und grüßte sie dann mit einem knappen Nicken. "Das ist möglich. Name?" "Kira Silva.", sagte Kira. Die Frau schrieb den Namen in ein Buch. "Wer bürgt für Sie?" "Magister Mitras di Venaris.", sagte Abigail und holte dabei aus ihrem Geldbeutel ein kleines Siegel, dass sie vor die Bibliothekarin legte. Die Frau zog kurz die Augenbrauen hoch und schaute nocheinmal genau auf Kira, ehe sie Mitras Namen in eine zweite Spalte eintrug. Sie nahm ein Plättchen aus Holz und schrieb dort ebenfalls Kiras Namen auf. Dann winkte sie Kira mit einer Handbewegegung zu sich. "Würdet Sie hier bitte unterschreiben?" Kira nahm die Feder und unterschrieb auf dem Kärtchen im vorgesehenen Feld. "Die Bibliothek ist jeden Tag von 8 bis 22 Uhr geöffnet. Sie können jederzeit zum Lesen kommen. Möchten Sie ein Buch ausleihen, bringen Sie es hier nach vorne, dann wird es auf Ihren Namen eingetragen. Bücher mit einem roten Stern am Einband dürfen nicht ausgeliehen werden. Nach vier Wochen müssen Sie jedes Buch zurück bringen, ansonsten werden Ihnen ein Silber pro Buch und Woche als Strafe berechnet, bis Sie den Kaufpreis des Buches abbezahlt haben.", rasselte die Frau die Regeln herunter. Kira nickte. "Sie finden dort vorne eine Übersicht, welche Bücher wo stehen. Bitte stellen Sie ein Buch immer an den vorgesehenen Platz zurück. Sie dürfen in der Bibliothek nicht zaubern, nicht rauchen, nicht essen, nicht trinken. Wenn Sie ein Buch wieder abgeben wollen, geben Sier es uns hier am Tresen ab, wir räumen es dann nach einer Zustandsprüfung weg. Sollten Sie ein Buch beschädigen, müsst ihr dafür vollständig aufkommen. Wenn Sie ein bestimmtes Buch suchen, fragen Sie die Fachkräfte, die sich überall in der Bibliothek aufhalten. Sie erkennen sie an unserer Uniform." Kira nickte und linste ungeduldig in Richtung der Übersichtstafel. Die Frau blickte sie über die Ränder ihrer Brille streng an, doch dann stahl sich ein kleines Lächeln über ihr Gesicht. "Viel Spaß!", endete sie ihre Rede. "Danke sehr!" Kira strahlte sie an, nahm das ihr hingereichte Plättchen und ging so rasch, dass es gerade eben noch elegant aussah, zu der Tafel. Abigail winkte ihr zu und rief: "Mylady, wenn Sie erlauben, gehe ich kurz noch auf den Marktplatz. Ich hole Sie gleich wieder hier ab." Kira winkte ihr zustimmend zu, schon halb zur Tafel gewandt. Magie für Magische und Nichtmagische - hinten links. Sachbücher Wissenschaft - davor. Sachbücher Kultur - in der Mitte. Der rechte Bereich war in verschiedene literarische Genres aufgeteilt, doch das interessierte Kira gerade nicht so sehr. Sie trat durch den kurzen Gang in die Halle hinein und sah, dass es links und rechts auch noch Treppenaufgänge gab, die allerdings abgesperrt waren. Vermutlich gab es oben Lesesääle und weitere, spezielle Abteilungen, in die man nur mit Einladung gehen konnte. An den Regalen vor ihr waren Schilder anbegracht, die verrieten, dass die Sachbücher zum Thema Kultur in verschiedene Themengebiete aufgeteilt war, wie Theater, Musik, Literaturtheorie, Philospophie, Lebenskunst, Ehe und Haushalt, und - das war wohl der Bereich, den sie gerade suchte - Etikette. Sie schmunzelte ein wenig über ihre eigene Naivität, gedacht zu haben, es gäbe EIN Buch zu diesem Thema. Tatsächlich gab es wohl einen ganzen Bereich! Sie betrachtete das entsprechende Regal ein wenig hilflos. Welches der Bücher eigenete sich wohl als Einstieg? "Kann ich Ihnen behilflich sein?", fragte eine sanfte, männliche Stimme plötzlich leise neben ihr. Kira schrak zusammen. Neben ihr stand ein junger Mann, vermutlich nur wenig älter als sie. Er trug die blau-weiße Uniform der Bibliothek, hatte seine schulterlangen, blonden Haare zu einem Zopf zusammengefasst und einen kurzen, sorgfältig gepflegten Bart, der sein hübsches Gesicht und die braunen Augen angenehm umrahmte. "Äh, ja. Tatsächlich... also... ich suche ein Einstiegwerk über die Regeln der Etikette im Adelsstand und ... äh... bei Magiern. Also, was man so beachten und wissen muss..." Der junge Mann schaute sie neugierig, aber eindeutig freundlich an. "Sie sind eine neue Schülerin, aber bisher nicht adelig?" Kira nickte und spürte, dass sie schon wieder rot wurde. Innerlich verfluchte sie, dass ihre Gesichtsfarbe ihren Gemütszustand immer so einfach verriet. "Ah, keine Sorge, da gibt es ein ganz hervorragendes Buch seit einigen Jahren, der Autor ist Niggel. Antonius Niggel. Warten Sie..." Er trat ein wenig auf sie zu, und sie wich zurück, so dass er das Regal absuchen konnte und nach kurzem Suchen ein Buch in einem grünen Einband aus einer Reihe gleich aussehender Bücher zog. "Wir haben davon mehrere Exemplare angeschafft, Sie können es vorne gleich als Langzeitausleihe eintragen lassen und es dann bis zu ihrer Eingangsprüfung behalten." Kira lächelte ihn ein wenig scheu an. "Ist das so gefragt?" "Nein, naja, also, es gibt jedes Jahr vielleicht eine Handvoll Schülerinnen oder Schüler wie Sie. Machen Sie sich keine Sorgen, die Regeln wirken komplex, aber wenn man erstmal drin ist, schwimmt es sich auch in adligen Gewässern wie in normalem Wasser." Er zwinkerte ihr zu. "Ich bin in einer Familie mit lauter Magiern aufgewachsen, und glauben Sie mir, die kochen auch nur mit Wasser." Kira kicherte. "Ich bin Kira Silva.", stellte sie sich vor. "Danke für die netten Worte, ich fühle mich schon gleich etwas besser." Der junge Mann lächelte sie breit an. "Sebastian di Ferrus, sehr angenehm. Ich freue mich, einer so schönen Dame behilflich sein zu dürfen." Kira spürte, wie sich die Röte wieder in ihrem Gesicht ausbreitete. "Danke." Sie schaute verlegen den Gang hinab. "Sagen Sie Bescheid, wenn Sie noch etwas suchen. Ich bin immer uldums- bis schengtags ab Mittags hier." Mit einer kleinen Verbeugung verabschiedete er sich und verschwand zwischen den Regalen. Kira sah ihm einen Moment lang nach. Seine fröhliche, offene Art erinnerte sie an Adrian, und sie überlegte sich, ob sie nicht vielleicht wirklich an einem der drei genannten Tage ihre Studien an einen der Tische, die an der hinteren Seite des Saales standen, verlegen sollte, um ab und zu ein Wort mit ihm wechseln zu können. Ob er magisch begabt war? Aber dann würde er nicht als Bibliothekar arbeiten, oder? Nachdenklich betrachtete Kira das Buch in ihren Händen und ging dann noch vorne, um es sich eintragen zu lassen. Die Bibliothekarin, die ihr den Ausweis gegeben hatte, trug es in ein großes Buch ein und erklärte ihr, dass diese Art von Büchern tatsächlich als Langzeitausleihe möglich seien. Sie müsse nur ein Datum nennen, zu der sie es zurückbringen würde. Kira überlegte. Einmal im Jahr wurden die Akademieanwärter geprüft. Wann würde wohl ihre Prüfung sein? "Wissen Sie, wann die Prüfung der Akademie für Verwandlungsmagie nächstes Jahr sein wird?" Die Bibliothekarin überlegte. "Hmm, dieses Jahr war es am 5. Laetar, nächstes Jahr wird es auch irgendwann dann sein, aber genau weiß ich es nicht." Kira nickte. "Dann bringe ich es zum 30. Samhain zurück." Die Frau schrieb das Datum in das Buch und auf einen kleinen Zettel, den sie in das Buch legte, ehe sie es Kira zurückgab. "Ja, das passt. Viel Erfolg beim Lernen!" "Danke!" Kira wandte sich um und sah Abigail, die gerade durch die Tür wieder herein trat. Gemeinsam gingen sie durch das zweite Tor in die Altstadt und dann zur Kutsche zurück, während um sie herum langsam die Dämmerung einsetzte und die Gaslaternen anfingen, zu leuchten. Kira merkte, dass sie müde war, obwohl sie ja eigentlich die meiste Zeit kaum etwas getan hatte, außer sich An- und Auszuziehen und Herumzusitzen. Bei der Kutsche angekommen, mussten sie zunächst einige Pakete und Tüten anrangieren, die von Peeks und Clopenbargs wohl dorthin geliefert worden waren. Kira linste in eine der Tüten und freute sich, als sie den Sternenstoff des Winterkleides entdeckte. Sie setze sich vorsichtig hin und lehnte den Kopf erschöpft an die Wand. "Vorsichtig, Mylady, der Hut!", mahnte Abigail, die ebenfalls gerade einstieg. "Oh, achja." Kira öffnete die Hutbänder. "Kann ich ihn hier drinnen absetzen?" "Hier in der Kutsche ja, es ist ja schon bald dunkel draußen, da wird kaum jemand schauen. Aber ansonsten schickt es sich nicht, ohne Hut oder zumindest ein kleines Hütchen herauszugehen, wenn man eine Dame von Stand ist. Und das sind Sie ja nun." Kira nahm den Hut ab und schaute etwas verlegen zu Boden. "Noch nicht, eigentlich doch erst, wenn ich die Magisterprüfung bestehe, oder?" "Naa, offiziell schon.", beantwortete Abigail die Frage. "Aber auch sonst gehören Sie ja ab sofort zum Stand der Magier. Selbst wenn Sie Assistentin bleiben, nachdem Sie die Akademie beendet haben, sind Sie damit einem Adligen gleichgestellt. Also gewöhnen Sie sich daran." Sie grinste Kira freundlich an. "Man kann ja eh nichts daran ändern, als was man geboren wird, nicht?" Kira nickte. Erschöpfung bereitete sich bleiern in ihr aus, und sie legte den Kopf wieder an die Wand und schloß die Augen, während die Kutsche sich ruckelnd in Bewegung setzte.

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Kira - Kapitel 1.2: "Ankommen"

Magister Mitras öffnete ihr die Tür. "Pünktlich. Gut.", sagte er knapp, ehe er die Tür ganz öffnete und sie in den Raum dahinter winkte. Kira seufzte innerlich erleichtert. Den ersten Test schien sie bestanden zu haben. Den guten Geistern sei Dank für ihr ganz passables Zeitgefühl und die Uhr in ihrem Zimmer. Sie schaute sich neugierig um. Der Raum hatte die Form eines L mit einem sehr dicken kurzen Balken zu ihrer Linken. Der Raum hatte die Länge des gesamten Hauses und bog dann bei der Tür, in der sie gerade stand, rechtwinklig ab. Kira vermutete, dass er links von ihr fast die Länge der Galerie hatte, über die sie eben zur Tür gegangen war. Sie drehte sich nach links und trat hinter ihrem Meister in diesen etwas kleineren der beiden Laborbereiche. Hier standen an der Wand zwei Schreibtische. Einer, der weitaus größere der beiden, war überladen mit Papieren und Notizen, zwischen denen einige Mineralien und Steine lagen, ebenso wie Federkiele und Tinte. Der andere war leer bis auf einige Blätter Papier und Schreibmaterial. Mitras war ihrem Blick gefolgt und wies auf den leeren Tisch: "Wenn Sie sich ausreichend eingearbeitet haben, wird dies Ihr Labortisch sein. Fürs Erste dürfen Sie den Raum aber nur in meiner Gegenwart betreten." Kira nickte und schaute weiter. Neben den Schreibtischen stand eine Säule, auf der ein roter Stein mit glatten Flächen lag. Kira vermutete, dass es ein besonders großer Mineral oder so war, der vermutlich so gewachsen war, wie er da lag, da er an seinem unteren Ende noch halb von gewöhnlichem Stein bedeckt war. Daneben stand ein hoher Schrank mit diversen kleinen Schubladen, die sauber beschriftet waren. Aus einigen schauten Büschel getrockneter Kräuter oder Flaschenhälse hervor. In der Ecke, die schräg gegenüber der Tür war, stand ein Steintisch, der auf der einen Hälfte eine Vertiefung wie eine Schüssel hatte. Der Boden war getäfelt und nach dem Tisch durch einen kleinen Teppich vom rechten, größeren Bereich des Raumes getrennt, der bis auf ein Fenster an der vorderen Wand hin zur Auffahrt vor dem Gebäude fensterlos war. Hier befanden sich neben einem auf den Boden gemalten Kreis, in dem eine abgedeckte Säule stand, diverse Gerätschaften, die golden und silbern glänzten, einige mit Kuppeln oder kugelförmigen Behältnissen aus Glas. Sie schaute Mitras fragend an, traute sich aber nicht, laut zu fragen. Da auf dem Boden stand vermutlich mehr Gold und Silber, als alle Menschen in Bispar jemals würden zusammentragen können. Sie kam sich in ihrem nachgemachtem Samtrock - echter Samt war zu teuer, selbst für Händler wie Kiras Eltern - ein bisschen schäbig gegen all diesen Reichtum vor. Mitras runzelte ein bisschen die Stirn. "Lektion Eins: Fragen Sie, wenn sie etwas wissen wollen. Sie sind zum Lernen hier, also müssen Sie Fragen stellen." Kira fühlte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. "Ja, Magister. Wozu dienen diese Geräte?" Er nickte, offenbar mit der Frage zufrieden. "Damit werden verschiedene magische Untersuchungen gemacht, etwa um magische Energie zu detektieren oder zu lenken. Sie sind äußerst empfindlich, also fassen Sie sie nicht an, ehe ich Sie nicht eingewiesen habe." Seine Schülerin nickte und hob die Hände, um anzuzeigen, dass sie nichts unerlaubt anfassen würde. "Nein, Magister. Ich werde nichts anfassen." Sie schaute sich nochmal um. So schnell würde sie vermutlich diesen Raum nicht mehr zu sehen bekommen. "Was ist das für ein Stein?", fragte sie und deutete auf den roten Stein, der im linken Teil des Raumes auf der Säule stand. Mitras schmunzelte ein bisschen, Kira glaubte, Stolz in seinem Blick zu sehen. "Den dürfen sie einmal anfassen. Aber vorsichtig!" Kira ging auf den Stein zu und hob die Hand. Ehe sie ihn berühren konnte, merkte sie bereits, dass eine starke, aber nicht unangenehme Wärme von ihm ausging. Vorsichtig fuhr sie in gebührendem Abstand mit der Hand über den Stein. "Er ist heiß.", sagte sie erstaunt. "Richtig. Das ist eigentlich eine Spielerei, aber sehr praktisch. Ich hab ihn verzaubert, nun gibt er seine Essenz über einen langen Zeitraum als Wärme ab. Etwa einen Winter lang wird er so heizen und uns von der fürchterlichen Kohle im Haus bewahren. Danach zerfällt er." Kira dachte einen Moment nach. "In meinem Zimmer steht auch so einer, oder? Nur der ist weiß." "Richtig. Man kann beinahe jedes Mineral nehmen, das ohne Kupfer oder Eisen ist. Nur das Ritual zur Aktivierung ist leider ziemlich aufwendig." Kira betrachtete die goldenen Apparaturen zu ihrer Rechten und rezitierte nachdenklich den Spruch, den ihr Bruder Harras beigebracht hatte:


"Suchst du Zauber, such nicht Kupfer, nicht Eisen,
denn sie werden die falschen Wege dir weisen.
Suchst du aber Silber oder Gold,
so ist die Gunst der Magie dir hold."

Mitras schaute sie prüfend von der Seite an. "Sehr gut. In der Tat spielt das Material, dass man nutzen will, eine große Rolle bei Verzauberungen und Ritualen. Woher kennen Sie den Spruch?" "Unser Dorfpriester...", murmelte Kira und schaute verlegen zur Seite. Sie hatte ja immer davon geträumt, ein magisches Talent zu haben, nicht heiraten zu müssen, sondern mehr von der Welt sehen zu dürfen, mehr lernen zu können. Deswegen hatte sie alles aufgesogen und auswendig gelernt, was Bruder Harras ihr über die magische Welt erzählt hatte, auch wenn er als Naturpriester natürlich eher den intuitiven Wegen der Magie zugewandt war. Aber vermutlich träumten alle kleinen Mädchen davon, mal große Magierinnen zu werden, oder? Sie hatte Glück gehabt, oder eben Pech, wenn man bedachte, was ihr "Talent" schon angerichtet hatte, aber im Nachhinein betrachtet kamen ihr ihre Träumereien recht albern vor. Mitras schien sich nicht weiter darum zu kümmern, er ging stattdessen zur Tür des Labors und hielt sie ihr auffordernd auf.

Im Flur blieb er stehen, wartete, bis sie zu ihm herausgetreten war und deutete dann den Gang hinunter. "Zur linken haben wir hier drei Gästezimmer, das hinterste ist ja nun Ihres. Die Treppe rechts führt nach oben, dort sind Williams Zimmer. Rechts die erste Tür führt zu meinen Gemächern und die letzte Tür auf der rechten Seite ist die Bibliothekstür." "Darf ich die Bibliothek auch nutzen?", fragte Kira gespannt. Eine Magierbibliothek, da gab es bestimmt viele tolle Bücher. Mitras dachte kurz nach und musterte sie dabei nachdenklich. "Ja, warum eigentlich nicht? Aber nehmen Sie keine Bücher heraus, alles muss ordentlich bleiben." Kira nickte. Der Magier wies mit der Hand die Treppe, an deren Ansatz sie standen, herunter. "Gehen Sie schon mal voraus, ich folge gleich." Er schloss die Tür zum Labor ab und folgte ihr dann die Treppe herunter in den großen Vorraum mit den gemusterten Fliesen. Am Ende der Treppe öffnete er die Tür zu seiner Linken und winkte sie in einen großen Salon. Er wirkte auf Kira beinahe länger als das Labor oben, was aber vermutlich daran lag, dass die hintere, von der Straße abgewandte Wand fehlte und durch einige Säulen ersetzt war. Dahinter begann ein heller Wintergarten. Die der Tür gegenüberliegende Wand war fensterlos und mit denselben elektrischen Kerzen ausgestattet, die auch im Flur hingen. Zwischen Ihnen hing ein großes Gemälde von einer Berglandschaft. In der Mitte des Raumes stand eine lange, leicht ovale Tafel, an der etwa 10 Personen sitzen konnten. Im restlichen Raum gab es verteilt einige Sessel und Tische, die zu kleinen Sitzgruppen zusammengestellt waren, und auch wieder Säulen mit verschiedenen Heizsteinen. Mitras führte sie durch den Raum in den Wintergarten. Seine rechte Wand war gemauert, durch die verglaste Front sah Kira auch, dass sich diese Wand auch in den verschneiten Garten dahinter fortsetzte. Die Glasfront bog sich als Halbrund in den Garten hinein und schloss an der Ecke wieder an die Hauswand an. Der Raum beinhaltete 4 Beete, zwei etwas breitere an den Seiten, ein schmales, dass sich an der gesamten Front hinzog und ein halbmondförmiges in der Mitte des Raumes, in dessen Rundung eine Bank angebracht war. Davor stand einer kleiner, metallener Tisch und ein bequemer Sessel. Die Beete waren bis auf das, dass an der Wand des Hauses links lag, offenbar den Jahreszeiten gewidmet: An der langen Front sah Kira zarte Pastelltöne und Frühlingsblumen, rechts von ihr hingegen leuchteten Astern und Büsche mit buntem Laub zwischen hohen, auffälligen Gräsern. In der Mitte hingegen gab es sattes Grün und leuchtend bunte Blüten von verschiedenen Orchideen. Das Beet an der Hauswand hingegen schien den trockenen Gebieten Gäas gewidmet zu sein: Zwischen kunstvoll drapierten Steinen und Mineralien wuchsen diverse Kakteen und ein kleiner Olivenbaum. Vielleicht auch eine besondere Anspielung an die Hochlandgegenden, die den Kern Albions bildeten, aber oft nur an den Anstiegen der Gebirgsketten ausreichend mit Wasser versorgt waren. Nur eine üppige Bougainvillia setze in dem Beet einen farblichen Akzent. Kira trat vorsichtig auf sie zu und betrachtet die bunten, pinken Blätter aus der Nähe. "Eine lebende Bougainvillia. So etwas habe ich bisher nur in Büchern gesehen. Sie sind schwierig zu bekommen, oder?" Mitras zuckte mit den Schultern. "Ich habe sie geschenkt bekommen." Kira beugte sich noch etwas näher an den Busch heran. "Wie winzig die echten Blüten sind.", sagte sie und stupste einen der kleinen weißen Kelche an. Mitras räusperte sich. Er stand bereits wieder im Durchgang zum Salon. "Wollen wir?" "Oh, äh, ja, klar." Rasch folgte Kira ihm, aber nicht ohne den Blick nochmal über den Raum streifen zu lassen. "Darf ich hierher zurückkommen?" "Meinetwegen." Er öffnete eine Tür, die gleich neben den Säulen zurück ins Haus führte. Dahinter lag eine große Küche, in der ein mittelgroßer Mann mit schwarzen Locken gerade Gemüse in einen Topf gab. Er drehte sich kurz zu ihnen um, lies aber dabei den Topf nicht aus den Augen. "Kira, dass ist mein Koch William. William, dass ist meine neue Schülerin Kira Silva." Über das Gesicht des Mannes ging ein freundliches Strahlen. "Hallo, willkommen in meinem Reich! Hier gibt es alles, was der Magen begehrt!" Er machte eine ausladende Handbewegung mit der freien Hand. "Ha! Wir haben jede Feinheit, die die edle Dame begehrt.", sagte er mit der Stimme eines Markthändlers, der seine Waren anpries. "Hallo.", sagte Kira verschüchtert. Die Küche war bis auf den Herd eine recht normale Küche, mit verschiedenen Schränken und Arbeitsplatten. Im hinteren Teil des Raumes gab es einen Treppenabgang nach unten, was man an einem Geländer erkennen konnte, an dem diverse Handtücher hingen, und eine Tür in den Nebenraum. Der Herd allerdings war seltsam: statt auf Flammen stand der Topf, in dem es eindeutig brutzelte, auf einer runden Platte aus Metall. Mitras nickte William zu und schaute dann zu Kira. "Es gibt Frühstück und Abendessen. Wenn Sie tagsüber etwas essen wollen, können Sie sich hier oder in der Speisekammer", er deutete auf den Abgang, "bedienen, aber sprechen Sie sich nach Möglichkeit mit William ab. Nicht, dass plötzlich etwas für eine seiner köstlichen Pasteten fehlt." Wieder nickte Kira mechanisch. Sie hatte das Gefühl, eine ewig lange Wanderung gemacht zu haben - was ja eigentlich auch stimmte. Mitras beachtete sie gar nicht weiter und ging schon durch eine Tür zur Linken, die neben der Treppe in den Vorraum des Hauses mündete. "Da geht es zum Keller." sagte er mit einer Handbewegung zu einer Tür unter dem Treppenaufgang. Mit einer zweiten Bewegung wies er auf zwei schmalere Türen an der Wand gegenüber: "Und dort sind Toiletten, für Männer und Frauen getrennt." Er ging an der Wand, aus der sie gerade getreten waren, entlang in einen Flur, der wohl parallel zum Flur über ihnen lag. Auch hier gab es einen rostroten Teppich und die grauen, leicht strukturierten Tapeten. Auch hier hingen einige Herbst- und Winterbilder an der Wand zu ihrer Rechten. Die linke Wand war mit einem sehr großen Gemälde einer Seeschlacht verziert, mit schweren, eisernen Kriegsschiffen und glühenden Feuern als Kontrast. Das Bild überraschte Kira, es war viel gewaltvoller als alles, was sie bisher im Haus gesehen hatte, außerdem passte das Motiv nicht so recht zu dem friedlichen, sonnendurchschienen Wald, der in Tupftechnik auf dem Bild an der rechten Wand hing. Es muss ein Vermögen gekostet haben, dachte Kira, so groß. Was für eine Schlacht es wohl darstellte? Sie suchte nach Abzeichen und Wappen, die einen Hinweis geben konnten, aber es war draußen bereits völlig dunkel und das Licht der elektrischen Kerzen erhellte den Flur nicht genug. Mitras, der ohne sich umzusehen voraus gegangen war, öffnete nach einigen Metern die einzige Tür links im Flur und schaute sie auffordernd an, ehe er den Raum dahinter betrat. Kira folgte ihm, blieb dann aber verblüfft in der Türöffnung stehen. Vor ihr öffnete sich ein großes Bad. In der Mitte war ein großes, jetzt leeres Becken, umgeben von einer schmalen Bank, auf der eine Seifenschale und ein Schwamm lagen. An der rechten Seite gab es einige Vorhänge, die nun zurückgezogen waren, und normalerweise wohl einen Bereich mit einem kleinen Waschzuber und eine Umkleide verdeckten. An der linken Seite gab es ebensolche Türen wie im Vorraum, vermutlich waren die Toiletten von beiden Seiten betretbar. An der Wand ihr gegenüber war ein Fenster hinter zugezogenen Vorhängen und zwischen ihnen der größte Spiegel, den Kira je gesehen hatte - polierte Metallspiegel mit eingeschlossen, und dieser war sogar aus Glas. Verblüfft betrachtete Kira sich eine Weile selber, der schwarze Rock schwang um ihre Beine und die Haare lösten sich schon langsam wieder aus der Spange. "Sie können jederzeit hier baden, sagen Sie einfach Abigail Bescheid.", sagte Mitras, was sie zusammenzucken lies. "Ja, aber... werde ich dann nicht Sie stören?", fragte sie. Er schüttelte den Kopf. "Abigail weiß schon, wann ich das Bad nutzen will, und wird es Ihnen sagen." Er kam auf sie zu, und Kira wich in den Flur zurück, so dass er die Tür hinter ihnen schließen konnte. "Am Ende des Ganges ist nur eine Abstellkammer, fragen sie Abigail, wenn sie etwas daraus brauchen. Und hier, " er öffnete dabei die Tür gegenüber vom Bad, "ist unser Esszimmer."

Die beiden betraten ein kleines, gemütliches Zimmer, in dem neben einer Kommode an der rechten Wand ein Esstisch für sechs Personen stand, der nun gerade von William und Abigail gedeckt wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite öffneten eine Glastür und ein großes Fenster einen Blick auf den verschneiten, aber nun im Dunklen liegenden Garten. An der linken Wand waren wieder Kerzenlampen angebracht, und zwischen ihnen das Bild einer kleinen Familie in einem sommerlichen Garten, die Mutter saß mit einer kleinen Tochter auf einer Schaukel im Vordergrund, vom Betrachter abgewandt, und im Hintergrund spielte der Vater mit einem Kind, vermutlich seinem Sohn, wenn man dem Kitsch ganz folgen würde. Obwohl es eindeutig eine sehr klischeehafte Szene war, verbreitete das Bild eine Art heitere Gelassenheit, die in den ganzen Raum ausstrahlte. Kira fiel trotz ihrer Müdigkeit auf, dass die Hortensien aus dem Bild sich auf der gegenüberliegenden Kommode wiederfanden, als gemalte Zirate auf den Schulladen und als angedeutete Formen in den Griffen. Nichts in diesem Haus, dachte sie, ist zufällig. Alles ist durchgeplant, aber es ist nicht kalt, sondern wunderschön. Mitras trat an den Tisch, zog einen Stuhl zurück und forderte sie mit einer Geste auf, sich zu setzen, eine Aufforderung, der Kira nur zu gerne nachkam. William brachte gerade aus der Tür an der Seite neben der Kommode, die vermutlich zur Küche führte, einen letzte Schüssel, Abigail saß bereits auf dem Stuhl schräg gegenüber von Kira.

In diesem Moment ging die Tür zum Garten auf und brachte einen eisigen Hauch frische Luft mit sich. Durch die Tür trat ein etwas rundlicher Mann, der etwas kleiner als William, aber größer als Abigail war. Er trug feste Schuhe, die er nun ausklopfte und in eine dafür bereitstehende, viereckige Schale neben der Tür stellte, eine Arbeitshose und eine Arbeitsjacke. "Hmmm, das riecht aber nach Festtag hier!", rief er, während er die Jacke auszog und an einen Kleiderhaken neben der Kommode hing. Er ging zu Abigail, beugte sich über sie und küsste sie flüchtig auf den Mund, ehe er sich zu Mitras, der sich links neben Kira gesetzt hatte, umdrehte und eine kleine Verbeugung andeutete. Mitras schunzelte ein wenig. "Kira, darf ich dir Tobey vorstellen? Er kümmert sich um alles, was am Haus und Garten getan werden muss, und wie du vielleicht schon vermutest, auch darum, dass unsere gute Abigail nie unzufrieden wird." Abigail grinste breit. Tobey verbeugte sich etwas tiefer vor Kira als er es bei Mitras getan hatte. "Ahhh, also ist unser Überraschungsgast endlich angekommen. Vielen Dank, junge Dame, dass ihr hier seid, so gutes Essen gibt es nicht alle Tage." Dabei klopfte er an eine der Schüsseln, in denen wohl ein Gulasch war, und zwinkerte ihr vielsagend zu. Trotz ihrer Müdigkeit und Scheu musste Kira kichern. Tobey hatte irgendwie etwas von Bruder Harras, so erdig und witzig. Sie spürte, dass sie ihn mochte. "Ich freue mich sehr, hier sein zu dürfen.", sagte sie, und lächelte ihn und Abigail an, die ihr Lächeln erwiderten. "Na, dann soll es auch nicht kalt werden, das gute Essen.", eröffnete William, und begann, sich und Mitras die Teller zu füllen. An der gegenüberliegenden Seite füllte Abigail erst Tobey, dann sich auf und reichte die Kelle an Kira. "Nimm dir, was du magst und wie viel du magst, ja? Nicht, dass du uns hier irgendwann vom Fleisch fällst, so zart, wie du bist." Kira nahm den Löffel und lief ein kleines bisschen rot an. So dünn bin ich gar nicht, dachte sie. Allerdings hatte sie tatsächlich schon wieder Hunger, die Sandwiches von vorhin schienen nur kaum die erste Not gestillt zu haben. Also füllte sie sich auf und staunte, was es alles gab: Da war das Gulasch, mit großen Stücken Fleisch darin, Kartoffeln mit Petersilie, Rotkohl mit Äpfeln, kleine Stücke von Blätterteig, gefüllt mit einer Art von Pastete - Kira bewunderte besonders die Lilien, die oben in den Teig gestochen waren und durch die man die Füllung sehen konnte - und Birnen mit Kompott. In einem Korb waren dicke Scheiben Weißbrot und einige, etwas dünnere Scheiben eines Graubrotes mit einer zerklüfteten Kruste. Eine Weile war um den Tisch herum nichts zu hören als das geschäftige Klappern von Geschirr, das Kauen und seliges Seufzen von Tobey, als er sich schließlich in seinem Stuhl zurücklehnte und sich über den nun noch etwas runderen Bauch strich. "William, du bist wirklich ein Gott in der Küche." William, der links neben Mitras saß, schmunzelte und erwiderte: "Na, stets zu Diensten, Tobey, stets zu Diensten." Alle am Tisch lächelten, als sei das etwas, was die beiden jeden Abend zueinander sagten, eine Art Familienritual. Kira beugte sich etwas tiefer über ihren Teller, um die Tränen zu verbergen, die sich ein wenig in ihre Augenwinkel geschlichen hatten. Sie würde ihre Familie lange nicht mehr wiedersehen. Und auch wenn ihre Eltern sie ja nun schneller loswerden wollten als die Reste aus dem Abtritt, sie vermisste ihre Brüder ein wenig. Adrian war nicht da gewesen, als dieser ganze Unfall passiert war. Was er wohl sagen würde, wenn er es erzählt bekam? Ob er auch glauben würde, was der Idiot Johann allen erzählt hatte, dass sie ihn einfach angegriffen habe? Ihr ältester Bruder hatte eigentlich immer für sie eingestanden, und Kira verehrte ihn zutiefst. Sie schaute vorsichtig hoch. Abigail hatte ebenfalls aufgehört zu essen und beugte sich gerade zu Tobey, um seinen Teller einzusammeln. Dieser nutze die Gelegenheit, sie auf den Hinterkopf zu küssen und über ihren Rücken zu streichen. Kira fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Neugierde und Verblüffung. Sie hatte noch nie gesehen, dass Erwachsene ihre Zuneigung derart öffentlich zur Schau stellten. Sie schaute zu Mitras, doch der war völlig in sein Essen vertieft und schien sich an dem Verhalten seiner Bediensteten kein bisschen zu stören. Stattdessen angelte er sich eine weitere Kartoffel aus der Schüssel und wischte damit ziemlich elegant den Rest der Gulaschsoße auf. Wie eine Familie, dachte Kira, nicht wie ein Meister mit Angestellten. Vielleicht eine neue Familie für mich? Es fühlte sich fast wie ein Keim von Hoffnung an, aber sie traute sich nicht, es ganz zu hoffen. Meistens führt Hoffnung eh nur dazu, das man enttäuscht wird. Alles in diesem Haus war seltsam, wundervoll, magisch und so gut... bestimmt würde sie morgen im Heuschuber von Bruder Harras aufwachen und feststellen, dass alles nur ein Traum gewesen war.

"Wo kommst du denn eigentlich her?" Kira schreckte aus ihren Gedanken auf und schaute Abigail an, die sich ein Glas Wein eingeschenkt hatte und sie erwartungsvoll anschaute. "Äh... aus Bispar." "Bispar?" Abigail runzelte die Stirn. "Nie gehört..." "Da hast du nichts verpasst.", murmelte Kira leise, doch wohl nicht leise genug, denn sie hörte, wie Mitras neben ihr ein kleines, amüsiertes Schnauben von sich gab. "Es liegt bei Lührenburg.", sagte sie lauter. "Ah, Richtung Küste. Hast du das Meer schonmal gesehen?", setze Abigail das Gespräch fort. "Ja, einmal." Kira schwieg und legte das Besteck sorgfältig auf dem Teller ab, Messer und Gabel nebeneinander, so wie man es macht, wenn man nicht mehr essen mag. Adrian hatte sie einmal dort mit hingenommen. Man musste ihr ansehen, dass die Erinnerung sie gerade nicht besonders glücklich machte, denn Abigail überging ihre einsilbige Antwort und fragte gleich weiter: "Also ist das ein kleines Dorf, ja, Bispar? Und deine Eltern, was machen die?" "Sie handeln, meistens mit Lebensmitteln oder was man sonst so braucht und auch mit dem Schmuck aus Granit, der in der Gegend gemacht wird, oder sowas...." Kira zog die Muschelkette, die sie immer trug, aus ihrem Ausschnitt und zeigte sie Abigail und Tobey, die sich beide interessiert nach vorne beugten. "Oh, wie hübsch!", kommentierte Abigail begeistert. "Das habe ich auch hier schonmal in einem Laden gesehen. Die Muscheln werden von Hand zu solchen Scheiben geschliffen, oder?" Kira zuckte mit den Schultern. "Ich glaube schon, ich hab nie einen Handwerker dabei gesehen, immer nur, wenn sie fertig waren..." Sie spürte, wie müde sie war. Diese andere Welt, dieses Bispar, wirkte so weit weg nach diesem Tag und den ganzen Eindrücken. Mühsam unterdrückte sie ein Gähnen. "Ich glaube, unser Gast kann dir später noch genug vom platten, so wahnsinnig interessanten Landleben erzählen.", sagte Mitras und wandte sích mit einem kleinen Lächeln an Kira. "Jetzt sollten Sie besser schlafen gehen." Kira nickte. Nun, da sie endlich ganz satt war, stieg die Müdigkeit immer schneller in ihr auf. Sie stand auf, nahm ihren Teller und sammelte ihr Besteck ein. "Lass stehen, Kindchen." Abigail griff über den Tisch nach ihrem Arm und drückte ihn leicht wieder herunter. "William und Tobey machen das gleich. Ich bringe dich jetzt erst mal nach oben. Mitras hat Recht, du schläfst uns ja sonst noch halb auf der Treppe ein." Kira lies den Teller los. "Aber..." "Kein Aber." Mitras blickte sie an, und Kira hatte fast das Gefühl, ihr Herz würde ihr wieder in die Hose rutschen wie bei ihrer ersten Begegnung, so streng war sein Blick. Abigail stand auf, ging um den Tisch, rückte ihren Stuhl ab und führte sie aus dem Raum, was Kira ohne weiteren Protest über sich ergehen ließ. Erst in der Tür hatte sie sich so weit wieder gesammelt, dass sie ein "Gute Nacht!" über die Schulter rufen konnte, was von drinnen von den Männern freundlich erwidert wurde. Kira hörte nur Mitras Stimme und stellte erleichtert fest, dass er nicht böse zu sein schien. So schnell das Gefühl der Dominanz und Verärgerung gekommen war, so schnell war es auch wieder aus seiner Haltung und Stimme verschwunden, und Kira seufzte erleichtert, während Abigail sie durch den Flur zur Treppe führte. Oben in ihrem Zimmer angekommen ließ sie sich aufs Bett fallen. "Du musst dich ausziehen, Kindchen, sonst schläfst du schlecht.", sagte Abigail, als sie den Raum verließ. Kira nickte mit geschlossenen Augen, kämpfte sich dann aber nochmal hoch und begann, sich auszuziehen. Trotz des Winters heizte der Stein am Schreibtisch den Raum gut. Einen Schlafanzug brauche ich wohl nicht, dachte sie, also warf sie ihre Kleidung einfach auf den Boden und kroch rasch unter die dicke, flauschige Decke, die auf ihrem Bett lag. Und ehe sie noch über irgendetwas nachdenken konnte, schlief sie bereits.

"Na, was hältst du von der Kleinen? Wirst du sie ausbilden können?", fragte William während er den Tisch abräumte. "Sie ist kein totaler Reinfall,“ gab Mitras zu. „Als es hieß, dass meine erste Schülerin ein Mädchen vom Land sein würde, dachte ich, dass mir jemand - vermutlich Thadeus - ein faules Landei unterschieben wollte, um meinen Ruf zu schädigen und vielleicht war das sogar die Absicht. Aber ihre Prüfung hat ein exzellentes Talent aufgezeigt und sie weiß deutlich mehr, als man ihr zutraut. Aber verdammt noch eins, sie ist immer noch ein naives Kind, lässt sich von jeder schönen Blume ablenken." "Ha, ein gefundenes Fressen also wohl für die 'feine Gesellschaft'. Das Pack wird sie in Stücke reißen, wenn du nicht auf sie aufpasst. So verschüchtert wie sie jetzt noch ist, werden sie wohl wie die Haie über eine blutende Robbe herfallen.", sagte William mahnend. "Ja, das könnte in der Tat ein Problem werden, nichts bei ihr zu Haus kann sie auf Uldum und den Sumpf aus Intrigen, Lügen und Verrat hier vorbereiten." "Ha! Jetzt tu nicht so, als wenn du dieses Spiel nicht selber spielen würdest. Wir beide wissen doch wohl, dass du deinen Reichtum nicht nur deiner Fähigkeit als Magier verdankst.", warf William ihm zwinkernd an den Kopf. Er war ihm stets treu geblieben, auch als Mitras sich plötzlich mitten in der Gesellschaft wieder fand, über welche die beiden sich früher immer lustig gemacht hatten. Sein alter Kindheitsfreund hatte ihn stets unterstützt, sehr zum Missfallen seiner Eltern. Ein Sohn aus gutem Hause der Hauptstadt mit einem Bengel aus dem fahrenden Volk. Was dachte sich der Junge nur! Aber Mitras dachte nie auch nur daran, sich von William abzuwenden. Und letztendlich war aus dem schlaksigen Burschen mit zu vielen Locken und zu vielen Flausen im Kopf ein überragender Koch geworden. Es war nur logisch, ihn anzustellen, nur ahnte keiner, dass William noch ganz andere Talente hatte, als den perfekten Rehrücken zuzubereiten. Ohne ihn wäre Mitras niemals in den Besitz des Buches gekommen, dem er all das hier verdankte. Und seinem Freund genügte es weiter kochen zu können und sich immer weiter zu verbessern. Mitras empfing nur selten Gäste, aber alle schwärmten im nachhinein vom Essen, das serviert wurde.

Abigail kam wieder herein, nachdem sie die Schülerin zu Bett gebracht hatte. "Tobey ist bereits drüben, Abby.“, informierte Mitras sie. „Ich werde nun noch ein Bad nehmen, aber das bekomme ich auch alleine hin. Oh, und ich habe eine Bitte an dich. Die Kleine weiß sich zu kleiden, aber das, was sie hat, genügt für die Hauptstadt nicht. Ich möchte, dass du sie morgen mit in die Stadt nimmst und dafür sorgst, dass sie etwas standesgemäßes zum Anziehen bekommt. Sie braucht eine Magierrobe für zeremonielle Anlässe, ein paar Freizeit Garnituren und ein paar Kleider für offizielle Anlässe. Du weißt besser als ich, was sie brauchen wird, sei nicht sparsam." "Aber natürlich nicht! Oh, sie wird gar nicht wissen, wie ihr geschieht!“, gluckste die Haushälterin fröhlich. Sie war bei der Aussicht, Kira mit Geschenken zu überhäufen, sichtlich amüsiert. Tobey und sie waren nahezu mittellos gewesen und kurz davor auf der Straße zu landen, als er die beiden als seine Diener aufgenommen hatte und dafür waren sie ihm ebenso wie für die gute Behandlung unendlich dankbar. Ihre nun deutlich bessere Lage verdankten sie aber tatsächlich William. Er war es, der sie ausgewählt und beobachtet hatte. Sie waren gute Menschen mit einer großen Menge Pech, aber ehrlich und anständig und vor allem loyal. Mitras wusste, dass er sich auf die beiden nun genauso verlassen konnte, wie auf William auch. Abigail war ursprünglich eine begabte Schneiderin und Ausstatterin und hatte ein gutes Gespür für Mode. Doch dann geriet sie ins Visier einer Adligen, der es missfallen hatte, dass eine ihrer nichtadeligen Gäste ein schöneres Kleid als sie selbst trug. Und da sie der Dame nichts anhaben konnte, war sie doch bei der Händlerfamilie, deren Tochter Ziel ihres Neides war, hoch verschuldet, zielte sie stattdessen auf die Schneiderin ab. Und in kürzester Zeit war Abigail komplett ruiniert, was Ihrer Leidenschaft für schöne Kleidung jedoch, den Geistern sei Dank, keinen Abbruch getan hatte. Sie hatte ihn nun schon oft stilsicher beraten und er wusste Kira bei ihr in besten Händen. Jedenfalls musste er sich keine Sorgen machen, dass sie aufgrund von schlechter Kleidung negativ auffiel. Auch in Sachen Etikette war Abigail sehr bewandert und er wusste, dass sie dafür sorgen würde, dass das Mädchen alles nötige wissen würde, bevor es ins 'Haifischbecken' ging.

"Ich wünsche dann eine gute Nacht." , sagte sie und verließ das Haus. "Gut, William, wie gesagt, ich nehme noch ein Bad, ehe ich mit der Meditation beginne. Morgen früh werde ich mich um den Generator kümmern müssen, für mich also ein etwas kräftigeres Frühstück, bitte. Ich denke mal, dass ich unseren neusten Zuwachs um Neun hier antreffen werde. Abby soll sie nicht vorher wecken, die nächsten Wochen werden anstrengend genug für sie." "Du wirst sie doch wohl hoffentlich nicht genauso schinden wie dieser elendige Thadeus dich, oder?" Williams Blick wirkte schon fast vorwurfsvoll. "Thadeus ist ein elendiger Menschenschinder, der sich am Leid anderer ergötzt. Also nein, so hart werde ich es ihr nicht machen. Ich werde es ihr aber auch nicht leicht machen, dafür hängt auch zu viel für mich davon ab. Und noch ist unklar, ob sie wirklich charakterlich geeignet ist. Sie hat als erste magische Handlung einem Schulkameraden die Hände so verdreht, dass ein zweitägiges Ritual nötig war, um ihn halbwegs wieder arbeitsfähig zu machen. Ich will, dass sie wegen meiner Ausbildung zu einer Magierin wird und nicht trotz ihr. Es soll sich ruhig rumsprechen, dass ich ein besserer Lehrmeister bin, als Thadeus es war." "Na, wenn du meinst. Im Moment wirkt sie doch wohl sehr eingeschüchtert und überhaupt nicht grausam. Pass also auf, dass du sie nicht zu hart rannimmst." "Ja, William-Papi, ich werde mich bemühen.“ Mitras zwinkerte ihm amüsiert und genervt zugleich zu. „Aber jetzt wartet die Wanne auf mich."

Mitras stand auf und ging nach oben in sein Zimmer, um sich noch ein paar Sachen zu holen. Er griff sich eine einfache weiche Stoffhose, ein paar Pantoffeln und seinen Morgenmantel. Das würde für den Rückweg nach dem Bad reichen. Als er sich zur Tür herum drehte, blieb sein Blick am Spiegel seines Waschtisches hängen. Dieser war verzaubert und zeigte ihm - und nur ihm - einen Blick aus den anderen Spiegeln des Hauses. Neugierig geworden murmelte er die Formel, um den Spiegel zu aktivieren und zeichnete die entsprechende Rune für Kiras Zimmer auf die Stelle am Rahmen, die dafür vorgesehen war.

Diese Form der Hausüberwachung war sehr ins Geld gegangen, da nur Spiegel mit einem Silberrücken dafür in Frage kamen. Diese noch neuen und teuren Spiegel gaben ein viel besseres Bild, als die mit alten Techniken hergestellten, die zum Beispiel Zinn verwendeten. Zinn blockte zwar die magische Energie nicht so wie Kupfer ab, aber es war deutlich schwerer zu verzaubern als Silber und für einen derart aufwendigen Zauber ungeeignet.

Nun blickte er in ihr Zimmer, wie er es schon bei vielen seiner Gäste zuvor getan hatte. Er wusste auch gar nicht so genau, wieso er das eigentlich tat, aber als der Spiegel in sein Blickfeld geraten war, überkam ihn eine unstillbare Neugier. Vielleicht war es auch ein wenig die Gewöhnung an die paranoide Überwachung, mit der er sich in der letzten Zeit schon erfolgreich gegen einige spionierende Gäste gewehrt hatte. Auch wenn der Raum dunkel war, zeigte der Spiegel ihn immer, als wäre er taghell erleuchtet. Und so konnte er einen guten Blick auf sie werfen, wie sie in ihre Decke eingewickelt in ihrem Bett lag. Sie musste sofort schlafen gegangen sein, nachdem Abigail sie hoch gebracht hatte, denn so lange war das noch nicht her. Er nahm sich die Zeit, sie nun einmal ausführlich zu betrachten. Ihr Gesicht war ihm zugewandt. Mitras betrachtete es eine Weile, so gut es aus der Entfernung des Spiegels ging, und stellte fest, dass es angenehm symmetrisch war. Kleine Strähnen ihres rotbraunen Haares ringelten sich verschmitzt bis an ihren leicht geöffneten Mund. Ihr Körper war komplett unter der Decke verschwunden. Er merkte, dass ihn dies störte, auch wenn er nicht sagen konnte, warum. Sie war eigentlich viel zu jung für ihn, aber wie er ihr so ins Gesicht sah, merkte er, dass sie doch etwas Faszinierendes an sich hatte.

Er riss sich vom Spiegel los und deaktivierte ihn. Was war nur in ihn gefahren! Auch wenn sie schon deutlich mehr Frau als Kind war, so war sie immer noch seine Schülerin und sowieso viel zu jung für ihn. Sie würde ihn sicherlich auch nicht attraktiv finden. Er durfte sich nicht zu sehr ablenken lassen, nur weil ein Teil von ihm fand, dass sie doch ein sehr schönes Gesicht habe. Er nahm seine Wechselsachen wieder auf, ging schnell runter ins Bad, entkleidete sich, ließ warmes Wasser in das Becken ein und gab ein Schaumbad hinzu. Dann wandte er sich dem Eimer mit der Schöpfkelle zu und kippte ihn sich gleich ganz über den Kopf. Das kalte Wasser half ihm, wieder zu klaren Gedanken zu kommen.

Er ließ sich in die Wanne gleiten und spürte die Wärme in seine Glieder steigen. Seit Wochen nun trat er auf der Stelle. Das Elektrum hatte sich als perfekter Kern für den Generator erwiesen. Es konnte einen Telekinese Zauber aufnehmen und bewahren, auch wenn es sich innerhalb der Kupferspule befand. Das allein war schon ein gewaltiger Durchbruch gewesen. Nun galt es einen Zauber zu erfinden, der den Kern möglichst lange in Bewegung halten konnte, um so elektrische Energie zu erzeugen. Immerhin zwei Tage reichte die Magie derzeit aus, aber dann musste er einen vorbereiteten neuen Kern in den Generator einsetzen und den alten komplett magisch erden. Beides war aufwendig und würde ihn die ganze Nacht kosten. Erst galt es in tiefer Meditation magische Energie zu sammeln und diese dann auf den Kern zu übertragen. Dann musste er den Wechsel durchführen. Der Kondensator ließ ihn fünf Minuten Zeit, was mehr als genug war, um den alten Zylinder zu ziehen und den neuen einzusetzen und dem Zauber seinen Lauf zu lassen. Zum erden musste der alte Zylinder dann noch ein paar Stunden in einem Eisenkäfig liegen.

Die ganze Prozedur ging komplett spurlos an dem Material vorbei. Er konnte die Zylinder praktisch beliebig oft wiederverwenden. An ihm selbst ging das Ganze aber überhaupt nicht spurlos vorbei. So viel Magie zu kanalisieren war ziemlich anstrengend, vom Schlafmangel ganz zu schweigen. Dem üppigen Frühstück würde bald ein kräftiges Mittagessen folgen müssen. Dann konnte er sich wieder seinen Studien widmen und weiter versuchen, die Wirkung des Zaubers zu verlängern oder Wege finden wie das Elektrum mehr Magie aufnehmen konnte. Tagsüber traute er sich nicht, den Wechsel vorzunehmen - zu lang dauerte die Meditation, bei der er ungestört sein musste und zu groß war seine Sorge, jemand könnte hinter die Geheimnisse des Generators gelangen.

Er experimentierte immer wieder mit unterschiedlichen Zylindergrößen herum, aber das jetzige Format schien das beste Potential zu bieten. Blieb also nur der Zauber. Zwei Tage ließ sich die Bewegung halten, danach wurde sie instabil und der Zylinder begann sich in andere Richtungen als die gewünschte zu bewegen, was den ganzen Generator zerstören konnte. Nun studierte er gängige Werke der Temporalmagie und der Telekinese, um einen Langzeitzauber zu erfinden.

Er ging noch eine Weile seinen Gedanken nach. Kira hatte ihn effektiv einen halben Tag gekostet. Aber die nächsten Wochen würde sie sehr viel Zeit im Selbststudium verbringen. Immerhin musste er ihr das Lesen nicht auch noch erst beibringen. Die Frage war, wie es um ihre mathematischen Kenntnisse stand. Im schlimmsten Fall musste er ihr einen Mathelehrer besorgen. Das ewige neu Laden der Zylinder und jetzt noch eine Schülerin. So würde er nie voran kommen. Wenn die Straße wenigstens an eins der Kraftwerke angeschlossen wäre , dann könnte er seinen Generator stehen lassen und nur zu Versuchszwecken betreiben. Aber bisher war das komplette Viertel noch nicht erschlossen, er hatte nicht den geringsten Schimmer, wieso. Außerdem brachte der Stromverkauf wirklich ein stattliches Sümmchen zusammen. Eigentlich müsste er mal einen zweiten Generator für den Schuppen bauen, überlegte er. Zumindest sobald das Problem mit der Zauberdauer gelöst wäre. Im Moment würde er nicht genug Kraft für beide aufbringen können.

Wie dem auch sei, er musste sich nun fertig machen. Er ließ das Wasser ablaufen, stieg aus der Wanne und trocknete sich ab. Als er sich angezogen hatte, ging er nach oben und begann in seinem Schlafzimmer den Meditationszirkel vorzubereiten.

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Kira - Kapitel 1.1: "Die Ablenkung"

Zögerlich setzte Kira ihren Rucksack ab und reichte den Pelzumhang der fülligen Frau, die ihr die Tür geöffnet hatte und ihr Hausschuhe hingestellt hatte. Der Vorraum war in warmes elektrisches Licht eines großen Kronleuchters getaucht, der von der hohen Decke hing. Der Boden des rechteckigen Raumes war mit aufwendigen Kacheln gefliest, die verschiedene Hinweise auf die Gilde der Verwandlungsmagie enthielten. Kira erkannte einige wieder, die sie vor wenigen Stunden an den Türen der gildenmagischen Schule für Heil-, Verwandlungs- und Veränderungsmagie zu Uldum gesehen hatte. An der rechten Wand war eine Treppe, die zu einer Galerie führte. Und dort oben stand ein großer, offensichtlich gut trainierter Mann mittleren Alters mit kurzen, dunklen Haaren. Magister Mitras, dachte Kira. Er würde ihr Lehrmeister und Mentor sein, hatte der Schulleiter bestimmt. Kira schluckte. Der Mann strahlte eine Aura von Macht um sich aus, die den ganzen Raum flutete. Er wirkte nicht so bedrohlich oder abwertend, wie die Erzmagier, mit denen sie bisher Kontakt gehabt hatte, aber irgendwie präsenter. Kira hatte fast das Gefühl, von dieser Präsenz wieder aus dem Haus gedrückt zu werden. Sie schloss kurz die Augen, um ihren Mut zu sammeln. Wie hatte sie immer davon geträumt, dass bei ihr ein magisches Talent entdeckt werden würde, dass sie raus aus dem 200 Seelendorf Bispar kommen könnte. Priesterin hatte sie werden wollen, wie Bruder Harras, den die Geister erhörten, so dass er mit den Pflanzen singen konnte... Doch in keinem ihrer Träume war die Idee gewesen, dass ihr Talent so gefährlich sein könnte, dass ihre Eltern sie gar nicht schnell genug loswerden konnten. Ja, nun, sie hatte kein gutes Verhältnis zu ihren Eltern gehabt - zu viele Fragen, zu vorlaut, zu wild für ein Mädchen, keine gute Heirat würde sie kriegen, hatte ihre Mutter stets geschimpft. Aber rausgeworfen... Wie sie nach dem Gold gegiert hatten, dass der Magier ihnen gab, als er sie holen kam... Kira schauerte innerlich. Nichts würde schlimmer werden. Dieser Mann bestimmt auch nicht. Immerhin würde er ihr Wissen beibringen.

Sie schlug die Augen wieder auf. Der Mann war die Treppe herunter gekommen und näherte sich ihr bis auf 2 Meter. Er trug eine schwarze Stoffhose, schwarze Lederschuhe, die offenbar noch nie draußen waren, ein weißes Hemd und eine aufwendig, mit Silbernen bestickte Weste. Kiras Eltern waren Händler, von allen im Dorf hatten sie beinahe das meiste Gold besessen, aber im Vergleich zu dieser Weste kam sich Kira fast ein wenig schäbig gekleidet vor. Sie verbeugte sich.

"Magister Mitras di Venaris? Mein Name ist Kira Silva. Ich bin... Äh... Ich soll ihre Schülerin sein."

Er musterte sie mit gerunzelten Augenbrauen. "Sie sind allein?"

"Äh, ja... Also, eine Kutsche hat mich hergebracht..." Verlegen schaute Kira auf ihre Füße. Vermutlich werden Schüler normalerweise von stolzen Eltern gebracht, dachte sie, und ihre Wangen brannten vor Scham.

"Ts." Mitras machte eine wegwerfende Handbewegung. "Dann kommen Sie."

Sie schlüpfte in die Hausschuhe und folgte ihm die Treppe hinauf. Die Frau, vermutlich die Haushälterin, hatte ihren Rucksack und ihre Tasche genommen und ging bereits vorraus. Man hat mich erwartet, dachte Kira. Erwartet und es ist ein Zimmer vorbereitet. Sie spürte, wie etwas von ihrer Anspannung abfiel. Nichts würde schlimmer werden, und erwartet zu werden war etwas, dass definitiv nicht schlimm war, sondern sich sogar ziemlich gut anfühlte. Mit neu gewonnener Neugierde betrachtete sie die Umgebung.

Die Galerie ging in einen langen Flur über, von dem links und rechts Türen abgingen. Der Boden war mit einem langen, rotbraunen Teppich bedeckt und zwischen den Türen waren an den Wänden Leuchter angebracht, die von Form her an Kerzen erinnerten, aber definitiv elektrisch betrieben wurden. Kira betrachtete sie im Vorbeigehen. Sie hatte schonmal elektrisches Licht gesehen - bei der Hochzeit ihres ältesten Bruders - aber es war auf dem Land nur mit aufwendigen Generatoren möglich, Strom zu erzeugen. Selbst ihre Eltern, die viel Wert auf ein repräsentatives Haus legten, hatten Kerzen und Gaslampen. Kira fragte sich, warum ihr neuer Meister keine Irrwische als Lampengeister hielt. Sie hatte mal gehört, dass man die kleinen magischen Wesen fangen und in Lampen sperren konnte. Sie sollten ein ganz besonderes Licht geben.
Von den Kerzenlampen geschickt bestrahlt hingen auch einige Bilder. Sie zeigten Gebirgswälder im Herbst und Winter und passten damit zu den grau-weißen Tapeten und dem rötlichen Teppich. Vielleicht waren es echte Orte aus dem Gebirge westlich von Uldum, das lange Zeit die natürliche Grenze Alboins gebildet hatte.
Am Ende des Ganges war ein kleines Fenster, durch das das letzte Tageslicht fiel. Kira war schon von draußen aufgefallen, dass das zweistöckige Haus, das so im Vergleich zu den umliegenden Häusern auffällig niedrig war, nicht direkt an das Nachbarshaus grenzte, sondern es einen gepflasterten Weg vom Vorplatz um das Gebäude herum gab. Ob es hinten Stallungen oder einen Garten gab?

Magister Mitras war mit der Haushälterin in dem letzten Raum auf der linken Seite verschwunden. Kira beeilte sich, ihm zu folgen und betrat ein etwa 15 Quadratmeter großes Zimmer. Es war zweigeteilt - auf der rechten Seite stand ein Bett und ein Kleiderschrank und links vom dicken, flauschigen Teppich in der Mitte des Raumes stand ein Schreibtisch neben einem halb gefüllten Bücherregal. Kira blieb staunend in der Tür stehen. Der Raum war größer als jedes Zimmer, in dem sie je gewohnt hatte. Und alles war furchtbar edel, vom dunklen Tropenholz des Bettes und des Schrankes über die geprägte, grün-goldene Tapete bis hin zu den Büchern, die offenbar in Leder eingebunden waren. Neben dem Bett stand ein kleiner Waschtisch mit einer leeren Porzellanschale und daneben ein Waschkrug und ein Glas. Ein Glas. Ein echtes Glas, rund geblasen. Kira überlegte, ob sie jemals ein Glas einfach so zum Trinken gesehen hatte. An der gegenüberliegenden Wand war ein kleiner Erker mit Fenstern, durch die das Abendlicht auf einen gelblichen Sessel fiel.

„Sie werden hier wohnen. Ich erwarte, dass Sie die Grundlagen“, der Magier machte dabei eine Handbewegung zum Bücherregal hin, „schnellstmöglich durcharbeiten und mir jeden Abend einen kurzen mündlichen Bericht geben. Um...“ Er hielt kurz inne und blickte auf die kleine, aufwendige Standuhr, die auf einem Brett oberhalb des Studiertisches stand. „Um 18 Uhr erwarte ich Sie dazu in meinem Büro.“ Kira nickte. Lesen. Oha, lesen und lernen. Das würde sie bestimmt machen. Dann fiel ihr der Brief ein, den ihr der Schulleiter gegeben hatte. „Äh, ich soll Ihnen einen Brief geben.“ Sie öffnete ihre Jacke und griff aus der Innentasche den versiegelten Brief.

Er nahm ihn entgegen, griff sich an den linken Ärmel und hielt plötzlich ein kleines, dünnes Messer in der Hand, mit dem er das Siegel aufbrach. So sehr Kira sich auch bemühte, dieses Messer konnte unmöglich dort gewesen sein, und es verschwand auch einfach wieder. Sie spürte, wie ihr Herz anfing, schneller zu schlagen. Es war real. Er war ein Magier. Er hatte dieses Messer teleportiert oder irgendwie anders magisch hergezaubert. Sie stand vor einem echten Magier und würde lernen, Magie zu nutzen. Die Angst krampfte plötzlich ihren Magen zusammen. Was, wenn sie wieder... wenn diesmal der Schaden nicht behebbar war... was wäre gewesen, wenn der Erzmagier, den Harras gerufen hatte, die Hände von diesem Idioten Johann nicht wieder hätte hinbiegen können? Wäre sie dann überhaupt hier oder doch eher in irgendeinem dunklen Kerker? Kira spürte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte und sie schüttelte leicht den Kopf, um das Gefühl loszuwerden. Sie war hier in diesem absolut wunderschönen Zimmer und sie würde ihren Meister nicht enttäuschen. Sie würde einfach nie wieder so wütend werden. Dann würde schon nichts passieren.

Mitras legte die Schürze ab und ging zur Tür. Es hatte geläutet und das konnte nur heißen, dass seine erste Schülerin angekommen war, denn anderen Besuch erwartete er heute nicht. Vor drei Tagen war Erzmagier Thadeus di Hedera, Schulleiter der gildenmagischen Schule für Heil-, Verwandlungs- und Veränderungsmagie zu Uldum, persönlich erschienen, um ihm zu eröffnen, dass er nun, da er den Rang des Magisters bereits ein halbes Jahr trug, seinen Verpflichtungen nachkommen müsse und seine erste Schülerin auszubilden habe. Er hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde, er hatte aber gehofft, dass es noch eine Weile dauern würde.

Doch nun trat er aus seinem oberen Labor heraus auf den Flur und blickte die junge Frau an, die neben Abigail stand. Sie war größer als die gute Abby, aber nicht sehr. Er schätzte sie auf rund 1,65m. Auffällige rote Haare fielen ihr in leichten Locken bis über die Schultern. Skirvorfahren, vermutete Mitras. Ungewöhnlich, aber durchaus interessant. Sie stammte ja wohl auch aus den nördlichen Provinzen, da konnte das schon mal sein. Hoffentlich hatte sie nicht zu viel vom wilden, barbarischen Charakter, der den nördlichen Völkern nachgesagt wurde. Kinder oder Jugendliche, die ungewöhnliche oder problematische Charakterzüge zeigten, wurden traditionell der Schule in Uldum, der Hauptstadt Albions, zugewiesen, um gut beobachtet und kontrolliert werden zu können. Zumindest ihr erstes Magiewirken ließ vermuten, dass sie viel vom wilden Charakter ihrer Vorfahren geerbt hatte, wenn er Thadeus Brief und Andeutungen richtig verstanden hatte. Er ließ den Blick tiefer schweifen. Unter dem blauen Rock und der schlichten Jacke zeichnete sich ein fraulicher Körper ab. Immerhin sah sie gut aus. Die Frage des Charakters würde sich später klären. Mitras fand, dass jeder sich in solchen Fragen besser selbst eine Meinung machen sollte.

Langsam ging er die Treppe herunter. Der Erzmagier hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihr eine Begleitung mit zu geben. Während Mitras noch grübelte, ob dies eine gezielte Beleidigung oder einem anderen Umstand geschuldet war, stellte sie sich unbeholfen vor.

"Magister Mitras di Venaris? Mein Name ist Kira Silva. Ich bin... Äh... Ich soll ihre Schülerin sein."

Er musterte sie argwöhnisch und fragte zur Sicherheit noch einmal nach. "Sie sind allein?"

"Äh, ja... Also, eine Kutsche hat mich hergebracht..." eingeschüchtert starrte sie auf ihre Füße. Er musste seine Wut auf Thadeus und diese ganze Schule im Zaun halten. Sie konnte nichts dafür, war es nun eine Beleidigung oder ein Versehen. Sie wirkte nicht so, als wüsste sie, dass junge Magierlehrlinge von einem Magister der Gilde, oft einem Lehrer der Schule, an den Ausbildenden übergeben wurde. Insbesondere wenn ihr erstes Anzeichen von magischer Begabung so destruktiv verlaufen war. Doch von nun an wären alle ihre Fehler automatisch seine, und genau das hatte Thadeus wohl mit der fehlenden Begleitung sagen wollen: Da musste Mitras alleine durch, von der Schule war keine Unterstützung zu erwarten. "Ts." zischte Mitras, drehte sich um und ging die Treppe wieder hinauf. "Dann kommen Sie."

Der Weg zu ihrem Zimmer musste reichen, um die Fassung wieder zu erlangen. Immerhin war sie eine ansehnliche junge Frau. Ihre Kleidung war ländlich schlicht, verriet aber, dass sie wusste, sich zu kleiden. Er würde sie dennoch neu ausstatten müssen. Auch ihr Äußeres fiel letztendlich auf ihn zurück. Er wusste, dass einige Magister ihre Discipuli regelrecht herausputzten und mehr wie teure Haustiere herumpräsentierten. Mitras hielt davon nichts und hoffte inständig, dass diese Pfauen wenigstens halb so viel Energie in die Ausbildung steckten wie in das Äußere.

Am Kopf der Treppe angekommen blickte er kurz wehmütig auf die Labortür, aber die Arbeit musste warten. Er bog nach links in den Korridor ab und ging den Flur entlang an den zwei Gästezimmern zur linken und seiner Bibliothek und seinen Privatgemächern vorbei.

Sein schlichtestes Gästezimmer hatte er als ihre neue Unterkunft auserkoren. Erst hatte er überlegt, sie im Personalhaus auf der anderen Seite des Gartens einzuquartieren, aber das erschien ihm dann doch unangemessen. Immerhin war sie eine Magierin, auch wenn sie noch ohne Ausbildung war. Das Zimmer war ursprünglich für die einfachsten seiner Gäste gedacht, aber dennoch geschmackvoll eingerichtet. Er hatte den Raum ein bisschen umdekoriert. Die kleine Sitzecke und einer der dazugehörigen Sessel waren entfernt worden, um dem Schreibtisch und dem Bücherregal Platz zu machen. Den verbliebenen Sessel hatte er ans Fenster stellen lassen. Sollte sie auch nur halb so belesen sein wie er, würde sie diese Ecke sehr zu schätzen wissen. Seit dieses Monstrum von einem Gebäude gegenüber gebaut worden war, war das Licht in den anderen beiden Zimmern schlechter geworden. Lediglich hier hatte man noch bis zum Sonnenuntergang gutes Licht.

Seit er seinen Generator im Gerätehaus betrieb, war das freilich kein Problem mehr. Sein ganzes Haus war elektrisch versorgt. Er produzierte sogar soviel Strom, dass er seine Nachbarschaft mit beliefern konnte, um so seine Haushalts- und Personalkosten abzudecken.

Er baute sich vor dem Schreibtisch auf und drehte sich zu ihr um. Abigail stellte die Sachen des Mädchens vor dem Kleiderschrank ab und blickte kurz zu ihm. Mit einem kurzen Nicken und kaum wahrnehmbaren Lächeln entlies er sie und blickte zu seiner neuen Schülerin. „Sie werden hier wohnen. Ich erwarte, dass Sie die Grundlagen“ , er zeigte auf die vorbereiteten Bücher, „schnellstmöglich durcharbeiten und mir jeden Abend einen kurzen mündlichen Bericht geben. Um...“ Er hielt kurz inne und blickte zu der Standuhr, die er extra für den Arbeitsplatz angeschafft hatte. „Um 18 Uhr erwarte ich Sie dazu in meinem Büro.“ Immer noch sehr verschüchtert, sah er doch keine negative Reaktion auf seine Worte. Vielmehr war da ein Aufflackern von Vorfreude. Doch dann schien ihr etwas einzufallen. „Äh, ich soll Ihnen einen Brief geben.“ Sie öffnete ihre Jacke und griff aus der Innentasche einen mit dem Siegel der Gilde versehenden Brief.

Er nahm ihn entgegen und griff kurz an den Rand seines linken Ärmels. Ein kurzer magischer Puls aktivierte eine lose wirkende Stoffbahn, die aus dem Ärmel hinaus und in seine Hand glitt. Das kleine Messer, welches er zumeist als Brieföffner benutzte, formte sich aus dem Stofffetzen. Er öffnete den Brief, verwandelte es zurück und heftete es an seinen Platz.

Er überflog das Schreiben. Es waren die Ergebnisse der Sondierung des Mädchens, aber diese Werte konnten unmöglich stimmen. Was heckte Thadeus aus, dass er ihm eine derart potente Schülerin überstellte? Gerade im Bereich der Verwandlungsmagie waren ihre Ergebnisse überragend. Sollte es ihr gelingen, dieses Potential voll zu entwickeln, könnte sie eine der größten Magierinnen ihrer Disziplin werden - und damit auch für den tradtionalistisch eingestellten Schulleiter, der erfolgreiche Magier lieber nur aus den Kreisen der alten Adelsfamilien stammend sah, eine Gefahr.

Sie erschien ihm in einem völlig neuen Licht und nun wusste er auch, warum sie allein gekommen war. Aber warum wollte der Erzmagier unbedingt, dass er sie unterrichtete? Hatte er die Sondierung nicht gekannt, als er sie Mitras zuwies und wollte nun nicht von seinem Wort abweichen? Oder schätzte er die destruktive Gefahr und charakterlichen Schwächen des Mädchens so hoch ein, dass er davon ausging, Mitras damit schaden zu können? Thadeus war Mitras Erfolg ein Dorn im Auge, hatte er doch immer prognostiziert, aus seinem ehemaligen Schüler würde nie etwas werden. Oder war sie eine Spionin? Mitras schaute kurz zu ihr hinüber. Sie stand ein wenig gedankenverloren vor ihm, anscheinend zu verschüchtert, um selbst aktiv zu werden. Nein, eine Spionin war sie vermutlich nicht, dazu war sie zu unsicher. Ein Mädchen aus einer Dorfprovinz mit einer so hohen Grundbegabung, aber eigentlich schon fast zu alt für eine Magieentdeckung und dann auch noch mit dem Makel einer gewaltätigen Ersthandlung. Hier lag ein Geheimnis vor ihm, das er noch nicht ergründen konnte. Er fragte sich, ob Thadeus ihn deshalb mit genau dieser Schülerin bedacht hatte - das Mysterium um sie zu lösen, würde ihn von der Arbeit ablenken. Und wenn er sich nicht um seine Arbeit kümmerte, würden andere vielleicht den Ruhm einheimsen, mit dem von ihm gefundenen Material großartige Erfindungen zu tätigen. Andere, die mehr in Thadeus Gunst standen...

Er wurde sich plötzlich der leichten Wärme in seinem Rücken bewusst. Er hatte zu lange dicht am Stein gestanden. Nach außen hin eine einfache zur Schau gestellte Mineralienprobe war das Calcit eines seiner ersten Experimente gewesen, und sein erster Schritt von dieser elendigen Kohle loszukommen. Dieser Stein und viele andere waren mit einem einfachen Zauber belegt worden, der sie dazu brachte Wärme zu emittieren. Eine Verschmelzung aus Elementar- und Verwandlungsmagie in einem Ritual gebunden. Nichts allzu außergewöhnliches, aber gut genug um als Abschlussprojekt an der Schule zu dienen und in den Rang eines Magisteranwärters aufzusteigen.

Er riss sich von diesen Erinnerungen los und blickte zu ihr hinüber. Ihr Gesicht war sichtlich gerötet und ihm wurde bewusst, dass sie immer noch die dicke Reisejacke trug. "Sie sollten die Jacke vielleicht ablegen. Das Haus ist gut geheizt." Unter seinen Worten schreckte sie förmlich auf, als wenn sie tief in Gedanken versunken war. "Oh ja, Sie haben recht, äh Magister."

Sie knöpfte die Jacke auf und schien seinen musternden Blick nicht wahrzunehmen. Unter der Jacke trug sie eine schlichte Bluse, die die Schultern fast frei ließ. Sie bückte sich und raffte den Rock und den Unterrock, um dicke Wollgamaschen auszuziehen. Ihm fiel auf, dass sie so tief blicken ließ. Ihre Brüste spannten bei der Abwärtsbewegung das Gewebe. Sie wirkten sehr fest und waren nicht gerade klein. Mehr Frau als Mädchen, realisierte er. Auch ihre kurz aufblitzenden Beine waren wohl geformt und ihre Haut hell und ebenmäßig. Keine Narben verunzierten sie.

"Ähm, Herr, entschuldigt bitte, ich habe seit heute Morgen nichts mehr gegessen und habe Hunger. Wann wird es Essen geben?" Er hatte gar nicht bedacht, dass sie ja nun schon einen recht aufreibenden Tag hinter sich hatte. "Oh natürlich, einen Moment." Er schnippte kurz mit dem Finger, was das kleine Glöckchen, das Abigail trug, anschlagen würde. Einen kurzen Moment später war sie auch schon da. Anscheinend hatte die Gute ihre Aufgaben so gelegt, dass sie in der Nähe bleiben konnte. "Abigail, sei so gut und bereite ein paar Sandwiches vor und bringe sie hier auf das Zimmer." "Jawohl, Sir." sagte sie lächelnd und war auch schon wieder aus dem Zimmer verschwunden. Das Mädchen wirkte sichtlich überfordert. Wahrscheinlich war es das erste Mal, dass sie von Bediensteten versorgt werden würde.

"Magister, ähm, gibt es irgendwelche Regeln, die ich im Haus beachten muss?" "Hmm, es wird wohl das Beste sein, wenn ich Ihnen eine Führung durch das Haus gebe. Sagen wir in einer Stunde. Richten Sie sich ein und essen sie etwas, dann klopfen sie an mein Labor. Die letze Tür am Flur auf der linken Seite." "Jawohl, Magister." Ohne ein weiteres Wort verließ er das Zimmer. Vielleicht würde diese Ablenkung doch erfreulicher sein als erwartet. Wenn er sie richtig formte, konnte sie eine wertvolle Assistentin werden. Sie schien noch völlig arglos zu sein und frisch vom Land konnte sie auch noch nichts von den ewigen Intrigen in der Hauptstadt, erst recht in der Gilde, wissen. Er würde sie sorgfältig vorbereiten müssen, ehe er sie das erste Mal aufs offene Parket des Lebens in der Stadt lassen konnte, aber dafür war noch Zeit. Keiner erwartete, neue Schüler auf öffentlichen Anlässen zu sehen. Erst wenn sie sich den ersten Titel verdient hatte und die eigentliche Aufnahmeprüfung bestanden war, dann würde sie sich beweisen müssen.

Kira ließ sich auf das Bett fallen, als er gegangen war. Sie blickte sich um. Nun fielen ihr weitere Details des Raumes auf. In der Ecke hinter der Tür war eine kleine Holzwand eingezogen - vermutlich verbarg sich hinter der schmalen Tür eine Toilette. Das kannte sie von zuhause. In der anderen Ecke, neben der Zimmertür, stand ein dreieckiger Tisch mit einer Schublade. Seine Beine waren auffällig geschwungen. Ein Schminktisch, und darauf stand ein Spiegel. Nicht ein poliertes Stück Metal, ein richtiger Spiegel. Beinahe wäre sie aufgestanden, um sich selbst anzuschauen, doch dann blieb sie erschöpft sitzen. Der Raum war, obwohl es keinen Ofen gab, tatsächlich angenehm warm und sie war nun schon seit Sonnenaufgang unterwegs. Erst die Reise mit der Kutsche, dann mit der Eisenbahn und dann war sie in diese riesige Stadt gekommen. Ein Meer von Dächern, die Beschreibungen in den Zeitungen waren wahrlich nicht übertrieben gewesen. Und wie es stank! Der Magier, der sie abgeholt hatte, war mit ihr vom Bahnhof aus zu einem pompösen Palast gegangen, den er als das „Gildenhaus“ bezeichnet hatte. Und dort war sie dem Erzmagier Thadeus vorgestellt worden. Er war höflich gewesen, aber sie hatte deutlich gesehen, wie er die Miene verzogen hatte, als ihr Begleiter sie vorstellte. „Kira Silva aus Bispar. Die junge Dame, die dem Dorfjungen die Hände verdreht hat.“ Kira seufzte. Wie lange das wohl noch an ihr haften würde? Mühsam raffte sie sich auf und setzte sich an den Schreibtisch, um die belegten Brote zu essen, die die Haushälterin herein gebracht hatte, kaum, dass Magister Mitras gegangen war. Sie schmeckten wirklich gut. Obwohl bei dem Hunger, den sie hatte, vermutlich alles gut geschmeckt hätte.
Der Erzmagier hatte sich eine Weile mit ihr unterhalten und nebenbei ein Protokoll ausgefüllt. Und dann hatte er ihr eine Kugel in die Hand gegeben und ihr gesagt, sie solle sich entspannen. Das war gar nicht einfach gewesen, denn die Kugel hatte ziemlich gekribbelt. Kira vermutete, dass sie durchleuchtet worden war. Bruder Harras hatte ihr erzählt, dass es für sowas Artefakte gab. Als sie ihm die Kugel nachher zurückgeben durfte, hatte er sie lange nachdenklich angeschaut. Kira hatte schon Angst, dass sie jetzt doch wieder zurück geschickt werden würde. Bestimmt war sie gar nicht so begabt. Immerhin war noch nie jemand in ihrer Familie magisch gewesen. Aber dann hatte er genickt, etwas ins Protokoll geschrieben und gemurmelt: „Wir werden sehen. So schlimm wird es schon nicht werden.“ Kira war sich sicher, dass sie das eigentlich hätte gar nicht verstehen sollen, aber da sie jahrelang ja meistens den anderen Kindern nur aus der Entfernung zugeschaut hatte, war sie ziemlich gut darin geworden, von den Lippen abzulesen. Und dann hatte er den Brief fertig geschrieben, ihn gesiegelt und ihr das Versprechen abgenommen, ihn nicht selber zu lesen und nur Magister Mitras zu geben. Anschließend hatte er sie sogar bis zur Kutsche begleitet und dem Kutscher die Adresse genannt. Und nun war sie hier. „So schlimm wird es schon nicht werden.“ Nein, vielleicht war sie nicht so begabt, aber sie würde fleißig lernen. Ihr war durchaus bewusst, dass sie hier nur zur Probe war. Später würde es eine Aufnahmeprüfung geben, spätestens nach einem Jahr, das hatte ihr der Erzmagier gesagt: "Aufgrund Ihres Alters bleibt Ihnen nicht viel Zeit. Sie werden jetzt ein Jahr von Magister Mitras vorbereitet. Der wird ganz gut zu Ihnen passen, er sollte doch ganz genau wissen, von wo Sie beide herkommen und wo ihr Platz ist." Sie würde es diesem Erzmagier beweisen, dass sie nicht so schlimm war und dass man sie nicht zurück nach Bispar schicken müsste.

Entschlossen stand sie auf und begann, ihre Kleidung in den Schrank einzuräumen. Einen schwarzen Samtrock und ein passendes Oberteil legte sie aufs Bett. Natürlich war es nicht so elegant und schick wie die Weste oder die Hose ihres neuen Meisters, aber sie würde sich bemühen, einen guten Eindruck zu machen. Vorsichtig öffnete sie die Tür zur Toilette und stellte erfreut fest, dass es hier tatsächlich fließendes Wasser gab. Neben dem Loch, dass als Toilette diente, gab es eine Hahn und einen Krug. Man konnte also Wasser auf die Hinterlassenschaften kippen, um sie wegzuspülen. Kira grinste. Was für ein Luxus! Keine zehn Pferde kriegen mich wieder aus diesem Haus, schwor sie sich, während sie den Krug vom Waschtisch neben dem Bett holte, den Hahn aufdrehte und ihn füllte, um sich waschen zu können. Sie zog sich aus und stapelte die getragene Wäsche auf dem Stuhl am Schreibtisch. Sie würde die Haushälterin fragen, ob sie einen Korb bekommen könnte und wo sie waschen könnte. Langsam und sorgfältig wusch sie sich und zog sich neu an. Ihre Bürsten brachte sie zum Schminktisch und betrachtete sich dann ausführlich im Spiegel. Draußen war die Sonne untergegangen, also knipste sie die Lampe am Schminktisch an und wieder aus und wieder an und betrachtete fasziniert, wie der kleine Draht in ihr aufleuchtete und wieder verglomm. Das Ticken der Uhr erinnerte sie, dass sie ja zur Hausführung gehen sollte, und sie schaute auf die Uhr. 10 Minuten noch. Sie richtete ihre Haare und steckte die vorderen Strähnen mit einer kleinen Spange hinterm Kopf fest. Dann stand sie auf und betrachtete noch einen kleinen Moment die Bücher, die sie in der nächsten Zeit lesen sollte.
„Handbuch der Erstlingszauber“ - ok, klang nicht schlecht. „Von Krieg und Staaten“ - ob das etwas zur Geschichte des Landes enthielt? Heeresstrategien waren nicht so interessant, aber es war spannend, wie sich alles auf Gäa entwickelt hatte. Bruder Harras hatte leider wenig dazu gehabt, was typisch war für jemanden wie ihn, der sich mehr auf die spirituellen Belange konzentrierte. „Königsberger Mathematik“ und „Einführung in Geografie und Geschichte Albions“ - ok, Mathematik war nicht so ihres, aber das würde schon gehen. Noch ein Geschichtsbuch war auf jeden Fall gut. Dann gab es da „Die bewegte Welt“ und „Wort und Sinn“, das sagte ihr nichts. Daneben stand allerdings, wesentlich spannender, „ die kleine Magiekunde“ und „die magische Flora und Fauna Albions“. Sie strahlte. Pflanzen mochte sie, und etwas über magische Tiere zu erfahren würde bestimmt auch toll sein. Sie nahm das letzte Buch und legte es sich aufs Bett, ehe sie mit einem Blick auf die Uhr aus dem Zimmer trat und die Tür schloß, um über den Gang zu der Labortür zu eilen. Vor der Tür holte sich nochmal tief Luft, dann klopfte sie vorsichtig.

Wieder im Labor angekommen wandte er sich seiner Forschungsstation zu. Diverse magische Aparaturen waren um einen Zirkel aufgestellt. In der Mitte stand nach wie vor der Zylinder aus Elektrum, jenem Material, dass er vor zwei Jahren bei seinen alchemistischen Forschungen entdeckt hatte. Eigentlich hatte er versucht auf Basis von altem alchemistischen Wissen, dass er nicht ganz legal aus der Sammlung eines nichtmagischen Herzogs beschafft hatte, Gold herzustellen.

Das Werk Transmutatis war unter gelehrten Alchemisten ein Mythos und galt als lange verloren. Und dann war da dieser Ball gekommen. Claudia, eine Mitstudentin von früher, hatte ihn dorthin mitgeschleppt. Gelangweilt hatte er sich irgendwann nach den ersten Tänzen in die Bibliothek geschlichen. Niemand war dort und so wie die Werke aussahen, waren sie auch schon ewig nicht gelesen worden. Eine Sammlung rein des Protzens wegen. Und da stand es. Der heilige Gral einer ganzen Zunft, im Besitz eines alten Narrens, der wahrscheinlich noch nicht einmal richtig lesen konnte.

Der Herzog Lucrecius di Marantus war der fünfte Sohn einer langen, reichen und vor allem magischen Adelslinie. Komplett unbegabt hatte ihn die Familie genauso fallen lassen wie seine ebenso unbegabten älteren Geschwister. Die Linie drohte zu brechen und seine Eltern griffen zu drastischen und hoch illegalen Mitteln. Ein Ritual, das angeblich magische Befähigung erzwingen können sollte, sollte durchgeführt werde - von den Eltern an den ersten vier Kindern. Der Fünfte galt allgemein als missraten und so banden sie ihn nicht ein. Und nun - eine Katastrophe und sechs verkohlte Leichen später - war die Linie endgültig beendet und der neue Herzog lebte fortan nur noch dafür, auch das Erbe endgültig zu verprassen.

Mitras schaffte es, ein Duplikat des Buches zu erzeugen und bei einem weiteren Ball ins Gebäude zu schmuggeln. Er schaffte es, die Bücher auszutauschen und bis der Lederband des falschen Buches das nächste Mal bewegt werden würde, wären längst alle Spuren, die zu ihm führen könnten, kalt.

Er löste sich aus seinen alten Erinnerungen. Gold hatte er keines gewonnen, aber das Elektrum getaufte Material. Es hatte gleichzeitig magnetische und magische Eigenschaften und eignete sich so zur Übertragung magischer Energie in Elektrizität. Und alles was nun noch nötig war, war ein einfacher Bewegungszauber. Telekinese war nie seine Stärke gewesen, aber er wusste von Anfang an, dass die permanente Bewegung aufwendig war. Dennoch war das Elektrum sein großer Durchbruch. Der Verkauf von mittlerweile zwei Tonnen des Materials hatte ihm den vorzeitigen Übergang zum Magister und große Reichtümer eingebracht.

Doch nun musste er sich ständigen Versuchen erwehren, die Formel zu stehlen. Nicht wenig seines neuen Vermögens war in die Sicherung des zweiten Labors im Keller geflossen. Auch das Königshaus hatte seine schützende Hand über ihn erhoben, im Tausch gegen vierhundert Kilogramm im Jahr, je ein Viertel pro Quartal.

Aber kaum einer dachte bei dem Material an Energiegewinnung. Zu groß waren die Möglichkeiten in der Waffenfertigung, war es doch in der Lage die antimagischen Eigenschaften von Eisen zu umgehen. Mitras scherte sich nicht um solch unangenehme Nebenwirkungen. Sollte es ihm gelingen, einen dauerhaften Bewegungszauber auf einen Barren zu wirken, würde das eine quasi unendliche Stromquelle bedeuten. Doch bisher war es ihm lediglich gelungen ein aufwendiges Ritual zu erschaffen, mit dem er seinen Elektrumgenerator zwei Tage in Betrieb halten konnte. Eine halbe Nacht starker Konzentration, sowie die Vor- und Nachbereitung kosteten zu viel von seiner Zeit und Kraft. Aber es war ein Anfang.

Er ordnete noch eine Weile seine Notizen vom Vormittag, ein weiterer Versuch war gescheitert und hatte nicht einmal eine winzige Verlängerung der Wirkung ergeben. Dann klopfte es an der Tür. Er hatte gar nicht gemerkt wie die Zeit vergangen war.

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Stilblüten 2020

Auch das jahr 2020 beinhaltet Erheiternde Schülerlösungen (und die von Kolleg*innen natürlich auch. Viel vergnügen, ich werde mich stets mit Freude an diese Aufmunterungen erinnern.

  • Ich dachte beim Korrigieren noch: Oh, Seite 2 und nicht einen Rechtschreibfehler. Dann kam, "dass das lyrische Ich die Begegnung als Schicksaal sieht".
  • Informatikklausur, es geht um Überwachung bei Onlineklausuren: "Beim Verwenden eines Proctors gibt es verschiedenen Schritte, die man beachten muss, z.B. keiner darf im Raum sein und zur Überprüfung muss der Computer herumgeschwenkt werden." Da sieht man,wo uns der ständige Einsatz von Laptops uns hinbringt!
  • (Protoring wird oft durch US-Firmen ausgeführt): "Das heißt, dass Deutschland keinen Zugriff auf die gespeicherten Daten hat."

Überwachung oder Vertrauen?

HomeOffice für Arbeitnehmer*innen und Schüler*innen - das klingt notwendig und gut, aber so einfach ist das gar nicht. Während die Chefetagen bangen, ob ihre Mitarbeiter*innen auch wirklich arbeiten und sie deswegen zu zahlreichen Überwachungsmethoden greifen, fehlt vielen Schüler*innen die Strukur des Schultages samt der Überwachung, um überhaupt lernen zu können. Wie viel Überwachung ist sinnvoll?

Überwachung am Arbeitsplatz kann viele Abstufungen haben: Von ständigen Chatnachrichten und Anrufen über Leistungsvergleiche bis hin zur Spiegelung des Bildschirmes, Überwachung der Software und der Mausbewegungen und sogar Videoüberwachung des heimischen Büros - technisch ist (fast) alles möglich, so heise.de. Doch eine umfangreiche anlasslose Überwachung sei oft nicht legal, zudem führe der Druck zu mehr Stress bei den Mitarbeitern, es könne sie sogar krank machen. Dabei spreche grundsätzlich nichts gegen regelmäßige Nachrichten, Ausstausch und Feedback, allerdings müsse die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben: Wenn man in der Firma mal eben eine Spülmaschine einräumen oder einen Privatplausch führen dürfe, dann sei das im Homeoffice ebenso zu erlauben.

Einige dieser Überlegungen kann man auf Schule übertragen: Regelmäßige Nachrichten der Lehrkräfte, auf die man reagieren muss, könnten gerade leistungsschwachen Schüler*innen helfen, ihr Arbeitspensum besser einteilen zu können. Zu viele Nachrichten und zu viel Einblick ist aber nicht legal. So beriet beispielweise der Hamburger Datenschutzbeauftragte schon bald nach der Schulschließung die anfragenden Schulen, Tools wie Skype nicht zu nutzen, da sie zu viel Daten weiter gäben. Überhaupt ist die Nutzung eines Videochats im Allgemeinen nur mit einer freiwilligen Einwilligung möglich - niemand sollte gezwungen sein, seine Privaträume vorzeigen zu müssen. Unter Pandemiebedingungen ist dies allerdings, wie manch andere Datenschutzvorschrift, locker gesehen worden, und das möglicherweise zu Recht: Denn der Bildungs- und Erziehungsauftrag setzt vorraus, dass man eine persönliche Bindung zu Schüler*innen aufbaut. Fehlt der körperliche Kontakt, können Videokonferenzen weitaus mehr Bindungsarbeit ermöglichen als etwa ein Mailverkehr. Eine sinnvolle Gesetzesgrundlage fehlt hier allerdings noch.

Heiß diskutiert wird auch die Frage, ob und wie Leistungsnachweise im Fernunterricht erbracht werden können. Traditionell werden Klausuren und Klassenarbeiten unter massiver Aufsicht geschrieben, nur einige Fernunis haben sich schon vor Corona mit Onlineprüfungen beschäftigt. Im Bildungsbereich hat sich für die Umsetzung dieser Kontrolle ein eigener Bereich gebildet: das sogenannte Proktoring. Dies beinhaltet eine umfassende Überwachung des Prüflings während der Prüfung. Teilweise ist diese Überwachung so umfangreich, dass Studierende dagegen Beschwerde eingelegt haben. Beispielsweise wird die Kontrolle über den Rechner übernommen, so dass keine Zwischenablage (Copy-and-Paste), kein Öffnen anderer Fenster oder Dateien außer dem Prüfungsfenster, kein Rechtsklick und ähnliches möglich ist. Die Software greift dafür tief in die Strukturen des Betriebsystems ein. Zusätzlich wird der Student oder die Studentin mittels Videoüberwachung gefilmt, das Video kann dann manuell oder mittels KI ausgewertet werden - oft auch durch Firmen in den USA, die die Daten möglicherweise auch an andere Parteien wie etwa die NSA weiter geben. Es darf niemand sonst im Raum sein, man darf nach nichts greifen, man kann nicht auf Klo gehen - und wenn das Internet dann doch kurz abbricht, kann es sein, dass die Prüfung vorbei ist und man sie wiederholen muss.
Befürworter solcher Prüfungen sagen, dass es fair sei, ähnliche Bedingungen wie bei einer Präsenzprüfung zu erzeugen und dass es den Teilnehmer*innen ja zugute käme: sie müssen sich nur richtig verhalten, dann wird jeder Verdacht, sie hätten geschummelt, zweifelsfrei ausradiert. Zudem wirke sich die vertraute Umgebung positiv auf das Wohlbefinden der Prüflinge aus.
Gegner des Proktorings sehen aber einen unverhältnismäßigen Eingriff in die Privatphäre und einen starken Druck auf die Prüflinge, da man Angst hätte, eine falsche Bewegung zu machen. Zudem seien die Bedingungen nicht mehr gleich, da z.B. nicht bei jedem die gleiche technische Ausstattung vorläge, ebensowenig wie die gleiche Medienkompetenz. Gerade der Einsatz der KI zur Überwachung berge auch Gefahren, wie etwa Fehlerkennungen im Algorithmus bei Menschen mit dunkler Hautfarbe.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die man statt des Proktorings nutzen könnte: Einen Videolivestream, bei dem die Studierenden zuhause schreiben und der oder die Prüfer "live" auf die gestreamten Kamerabilder schauen, ohne dass die Aufnahme gespeichert wird, eine mündliche Prüfung oder das anfertigen einer längeren Haus- oder Projektarbeit, im Schulbetrieb nennen wir das "Klausurersatzleistung". Die darf man aber nur einmal im Jahr nutzen, obwohl man zweifelsfrei als Lehrperson weiß, ob jemand ein Projekt selbst umgesetzt hat, wenn man diese Person über einen längeren Zeitraum bei der Projekterstellung begleitet hat. Allerdings sind solche "OpenBook"-Leistungsnachweise deutlich aufwendiger - sowohl im Unterricht zuvor aus auch in der Korrektur, denn man kann nicht mehr nach einfachem, auswendig gelernten Wissen fragen.

Eine engmaschige Betreeung ist nicht nur aufwendig, sie beinhaltet auch wieder eine Form von Überwachung - denn der Lehrkraft muss dann die Gradwanderung zwischen "zu oft nachfragen" und "zu viel Druck" auf der einen Seite und "zu wenig Betreuung" und "zu wenig Feedback" auf der anderen Seite gelingen. Jede Stunde ein Livestream mit allen Schülern, damit ich sehen kann, ob sie wirklich arbeiten? Oder täglich ein Blick in Logdaten meines Kurses? Reicht es zu sehen, wer die Aufgaben fristgerecht abgibt, oder ist es dann nicht eigentlich schon zu spät und das (faule) Kind in den Brunnen gefallen? Sollte ich die Texte durch eine Plagiatsprüfung jagen oder vertraue ich, wie bei handschfriftlichen Texten, auf mein Bauchgefühl?

Meine persönliche Meinung: Nicht alle Schüler*innen sind gleich. Von einer Total-Überwachung ist auf jeden Fall abzusehen - erstens ist sie unrealistisch und gelingt auch nicht im Präsenzunterricht, zweitens macht der Druck krank und drittens ist es moralisch ein zu starker Eingriff in die Privatphäre. Als Lehrkraft suche ich mir stattdessen die Schüler*innen heraus, die ich für eine Weile intensiver beobachten will - und das kann ich durch Nachrichten, Videocalls (auch mal ohne Video), Logdaten und die abgegeben Aufgaben. Leistungsfähigkeit kann ich dabei "nebenbei" gut diagnostizieren - wenn es nach mir gänge, könnten wir zentrale, zeitgleiche Prüfungen ganz abschaffen, sie sind weder fair noch prüfen sie die tatsächlichen Kompetenzen, die man im Leben später braucht. So lange es sie aber noch gibt, vertraue ich auf mich, meine Schüler*innen und schlimmstenfalls einen Live-Stream - weitere technische Überwachung halte ich für nicht nötig. Denn, wenn man ganz ehrlich ist: Bei welcher Matheklausur hat nicht eh irgendeiner einen Taschenrechner unterm Tisch und wird nicht erwischt? Eine Onlineprüfung braucht also nicht mehr Überwachung, als eine Präsenzprüfung bieten kann.

Wir müssen reden!

Ein Schultag voller Gedanken zur Digitalisierung

Die Digitalisierung ist in den deutschen Schulen angekommen. Nicht sanft, nicht überlegt, sondern mit einem mächtigem Schock im März 2020. Plötzlich gab es keine Option mehr auszuweichen – und „wie in einem Brennglas“ zeigte sich eine schwierige Lage.

Die Probleme sind dabei sehr heterogen.

Zuerst denken die meisten dabei an die Probleme schwach ausgestatteter Schulen: keine (starke) Internetleitung, keine Geräte, kein Geld für Wartung und Support, wenig kompetente Lehrkräfte, Angst und Verweigerungshaltung. Es gibt aber auch sehr erfolgreiche Beispiele von Digitalisierung an Schulen – Leuchtturmschulen nennen wir sie. Dort gibt es teilweise eine gute Ausstattung, WLAN, Geräte, kompetente Lehrkräfte. Doch auch an diesen Schulen sind die Probleme nicht verschwunden, denn auch sie haben zu kämpfen: Mit den Fragen nach einer sinnvollen Didaktik, nach Datenschutz und Monopolmacht von einzelnen Konzernen, nach Support und Wartung, Fortbildung, nach Nachhaltigkeit. Ich arbeite an einer Schule, die sich irgendwo dazwischen befindet: Wir haben WLAN – für die Lehrkräfte. Wir haben Endgeräte, einige Konzepte, viele engagierte KollegInnen. Und damit stehen wir schon ziemlich gut da. Trotzdem möchte ich Sie auf einen fiktiven Schultag mitnehmen, in dem ich einige Schwachstellen des Systems aufzeigen und Anregungen geben möchte, wie wir in den Diskurs weiter einsteigen können.

Mein Arbeitstag beginnt um 7:50 im Lehrerzimmer. Das Lehrerzimmer ist speziell für die Oberstufe, wir haben zwei Standorte. Hier steht der Kopierer. Er ist nicht mehr so überlaufen wie früher – immer mehr LehrerInnen überlegen sich im Sinne der Nachhaltigkeit, ob das Arbeitsblatt wirklich 27 mal ausgedruckt werden muss oder ob man es nicht doch viel einfacher über die Lernplattform verteilen kann. Hätten alle SchülerInnen Zugang zum WLAN und eigene Endgeräte, wäre das ja auch gut machbar. Haben sie aber nicht. Und dafür gibt es gute Gründe, obwohl die technische Ausstattung, also Access Points, von unserem Schulträger in allen unterrichtlich genutzten Räumen an die Decke geschraubt wurden. Denn die Frage nach Verantwortlichkeiten sind so schwammig und ungeklärt, dass ein offenes WLAN der Schulleitung ein wenig wie Glücksspiel vorkommen muss: Was geschieht, wenn ein*e SchülerIn eine Straftat über das Schulnetz begeht, etwa eine Urheberrechtsverletzung? Wie geht man damit um, wenn Schülerinnen den Zugang zum WLAN nutzen, um Cybermobbing auszuüben?

Natürlich gibt es Antworten auf solche Fragen: Durch entsprechende Schutzmaßnahmen sollen Betreiber, also in diesem Fall die Schule oder der Schulträger, sicherstellen, dass Missbrauch und Straftaten erschwert werden. Dann haften nicht sie, sondern der durch Logfiles auffindbare Benutzer (z.B. hier sichtbar in einer Zusammenstellung für NRW) . Allerdings muss der WLAN-Betreiber dann auch sicherstellen können, dass die Logdaten sicher verwahrt werden. Und es muss geklärt sein, für welche Anfragen eine Einsicht legitim ist und für welche nicht. Diese Klärung steht in unserem Falle aus. Stattdessen heißt es: „Kann der Benutzer, der eine Urheberrechtsverletzung begangen hat, nicht nachvollzogen werden, haftet die Schulleitung.“ (PDF, S. 7) Ich kann es keiner Schulleitung übel nehmen, bei solchen Sätzen ein wenig Muffensausen zu haben. Und ich frage mich als Laie, wie dieser Satz mit den oben zitierten Ausführungen zur Störerhaftung konform geht. Ebenso ist die Frage ungeklärt, wo wir die Ressourcen hernehmen, um die SchülerInnen zu betreuen und zu schulen in Fragen der ethischen Medienkompetenz – Stichwort Cybermobbing. Wir sind in der glücklichen Lage, eine Schulpsychologin zu haben. Aber sie alleine kann den Bedarf an Betreuung, Beratung und Erziehung sicherlich nicht abdecken.

Also, es ist 7:50 und wir müssen reden, gesamtgesellschaftlich - über Verantwortung, klare Rechtslagen und ihre Umsetzung und einen besseren Betreuungsschlüssel an Schulen.

Mein Unterricht in meiner Pilotklasse beginnt um 8:00. Pilotklasse bedeutet: Die Lernenden bringen ihre eigenen Endgeräte mit (BYOD) und arbeiten vermehrt digital. Das birgt tolle Möglichkeiten, Unterricht weiter zu entwickeln. Mein Mathematikunterricht beginnt mit einer gemeinsamen Fragerunde und Kopfrechenübungen, dann zerstreuen die SchülerInnen sich in Lernteams, um an den Aufgaben in der Lernplattform zu arbeiten. Sie holen sich ihren Input über kuratierte Lernvideos, angereichert mit interaktiven Übungen, lösen Aufgaben dazu aus dem Lehrbuch oder solche, die ich mir speziell ausgedacht habe. Sie geben die Bearbeitungen online einzeln oder im Team ab. Ich laufe 60 Minuten von Tisch zu Tisch, wiederhole Input, stelle Fragen, motiviere, begleite. Nachmittags korrigiere ich die Abgaben. Mein Mann witzelt, ich sei zuerst mit dem Job und dann mit ihm verheiratet. Ich weiß: Wie mir geht es vielen KollegInnen. Klausuren, Konferenzen, Unterrichtszeit – da bleibt so wenig Raum für Individualisierung, für echte Menschlichkeit und echte Beratung. Ich bewundere stets die KollegInnen, die das anbieten können. Klar bieten die technischen Möglichkeiten eine tolle Unterstützung und auch Zeitersparnis, etwa über individuelle Lernpfade, Selbstkorrektur und direktes Feedback, aber sie bergen auch viel Arbeit: Das Material, an dem meine SchülerInnen an diesem fiktiven Tag arbeiten, habe ich in drei Jahren erstellt, immer wieder muss ich es überarbeiten und anpassen – entweder, weil die Software weiter entwickelt wird oder weil ich das Feedback aus dem Vorjahr einbaue oder weil ich es eben den aktuellen Gegebenheiten anpasse. Ich setze auf OER und teile mein Material, ich nutze auch Material von anderen. Dennoch: ein sich selbst korrigierender Mathematiktest, der mit Zufallsfragen auch Spicken erschwert, braucht einige Tage Arbeit, ehe er einsatzfähig ist. Und nicht alles kann ich von Maschinen korrigieren lassen: Ob eine Begründung sinnvoll geschrieben ist, ob ein Aufsatz in Deutsch gelungen ist, das entscheidet (noch) keine Maschine. Wollen wir, dass Maschinen so etwas jemals entscheiden können?

8:45, ich beobachte die Lerngruppe. An einem Tisch sitzen einige Mädchen um ihre Teamleitung herum, sie zeichnen am IPad und diskutieren eifrig. Neben ihnen sitzt eine Mitschülerin am Handy und schaut ein Video, während sie im Heft Notizen macht. Am Tisch hinter ihnen schaut mich ein Schüler verzweifelt an: Sein Laptop bezieht Windows-Updates, er kann ihn nicht nutzen. Ich weise ihn an, bei seinem Teamkollegen mit zu schauen und die Lösungen für die Fragen im Video später von zu Hause aus einzutragen. Die WLAN-Probleme des nächsten Schülers kann ich nicht lösen, er nutzt ein Macbook, da fehlt mir das technische Wissen. Um solchen Problemen auszuweichen, wird das BYOD-Konzept übrigens auch nicht auf andere Klassen ausgeweitet - statt dessen werden einheitlich Tablets angeschafft, ungeachtet der Eignung für einzelne Unterichtsszenarien und Anforderungen. Für unterschiedliche Gerätetypen fehlt schlicht das Personal, um es warten zu können. Das liegt auch daran, dass im Schul- und Behördenkontext oft IT-Gehälter gezahlt werden, die in der freien Wirtschaft eher mit einer Null mehr hinten dran ausgegeben werden. Hochqualifizierte, engagierte IT-Fachkräfte suchen sich daher in meiner Erfahrung selten Jobs in Schulen oder bei Schulträgern. Dabei wäre angesichts der sensiblen Datenlage und der großen Nutzungszahlen gerade dort das Know-How dringend gefragt. Da das Geld auch an der Schule selbst knapp ist, reicht es nicht für eine 1-zu-1 Ausstattung aller Räume. Also kann bei uns in Zukunft Unterricht mit Endgräten nur stattfinden, wenn der IPad-Koffer gerade nicht anders verbucht ist. Oder man sich eben in der Pilotklasse auf die technische Heterogenität einlässt. Ich lasse das technische Problem erstmal liegen - das Team hat Fragen zum Lernstoff, also diskutieren wir eine Weile und dann teilen sie sich auf, um jeder für sich mit Aufgaben aus dem Buch zu üben. Ich schaue noch kurz in den Nebenraum – dort hat sich eine Gruppe hin zurückgezogen, um Plakate für eine Aufgabe zu erstellen. Zwei Laptops stehen auf dem Tisch, das sind die Leihgeräte, die wir an die finanziell weniger starken SchülerInnen ausgeben. (Wie etwa auch die Computertruhe.) Die Laptops stammen von einer Firma, die sie aussortiert und gespendet hat, statt zu verschrotten. Natürlich sind sie einige Jahre alt, wir betreiben sie mit Linux Ubuntu, und die Erfahrungen sind sehr positiv – auch, weil engagierte Lehrkräfte und Ehepartner sich unentgeltlich um die Wartung kümmern. Die SchülerInnen nehmen sie meistens nicht mit nach Hause – zu schwer und auch ein bisschen uncool. Aber wir haben ein privilegiertes Einzugsgebiet: Zuhause hat fast jede/r einen Rechner und einen halbwegs stabilen Internetzugang. Bei mehr als 5 Videos wird es im Livestream wackelig bei einigen, wissen wir seit Corona. Aber das, was gerade in meinem Klassenraum passiert, können alle auch im Lockdown abrufen. Der technische Support fehlt ihnen dort aber immer noch. Firmen schicken ihre IT-Abteilung zu MitarbeiterInnen im Homeoffice, um VPN-Verbindungen einzurichten und Firmenhardware zu warten. Unsere Kinder lassen wir Internetzugang und technische Wartung alleine machen.

Es ist 9:00 und wir müssen reden - über Lehrerarbeitszeiten, wieder Betreuungsschlüssel, Lizenzen von Bildungsmaterial, der Frage nach KI im Schulwesen, über Ausstattung und Support und technische Unterstützung von sozial schwächeren Schüler*innen, über Geld im Bildungswesen und über die Verantwortung und Anteile, die Firmen hier haben und haben sollten.

Mein Tag geht weiter: 11:50, ich habe noch Informatikunterricht. Der Rahmenplan sieht vor, dass wir uns mit Datenbankzugriffen beschäftigen, die SchülerInnen sollen programmieren. Ich will mich an den Rahmenplan nicht halten. Denn ein Großteil der SchülerInnen hat keinerlei Vorerfahrung mit Programmierung, mit Informatik im Ganzen. Wir klären die Frage, ob es 1600 schon Handys gab und ob Frauen überhaupt jemals einen Computer angefasst haben, ehe der zweite Weltkrieg vorbei war. Wir diskutieren über Datenschutz und die Frage, welchen Messenger man am besten nehmen sollte. Warum ist Artikel 13 so wichtig, fragten meine Schüler*innen mich 2019, und was ist das mit Trump und seiner Wahl, war die wirklich manipuliert? Wir haben unseren schulinternen Lehrplan angepasst, geschoben und getauscht, bis es passte. Aber wir können mangels Informatikunterricht in der Mittelstufe in der Oberstufe nicht einen Lehrplan umsetzen, der so viel Grundwissen schon voraussetzt und der gleichzeitig auch keinen Raum lässt für die Fragen, die eigentlich wirklich relevant sind. Informatik ist mehr als Programmieren lernen. Und eigentlich müsste dieser Informatikunterricht, der, der die technischen Grundlagen mit den gesellschaftlichen Fragen verbindet, ein Pflichtbestandteil sein. Wie sollen wir erwarten, dass junge Erwachsene digital mündig werden, wenn wir ihnen nie die Zeit geben, sich die notwendigen Wissens- und Kompetenzgrundlagen zu erarbeiten?
Dazu passt auch die Wahl unserer Lernplattform: Während sich in der Oberstufe das OpenSource System Moodle etablierte, setzte einer unserer Mittelstufenstandorte auf eine deutsche Serverlösung, der andere auf ein Produkt eines amerikanischen Anbieters. Und wie in einer Nussschale bildet unser Lehrerzimmer nun die gesellschaftlichen Diskussionen zu Lernplattformen ab. Was ist erlaubt? Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten – denn auf der einen Seite lehnen Datenschützer Lösungen, bei denen personenbezogene Daten von Schutzbefohlenen in das EU-Ausland transferiert werden, ab. Auf der anderen Seite setzt selbst die Behörde teilweise auf solche Lösungen. Also, es ist verboten das einzusetzen, aber machen kann man es trotzdem? Und die Frage, wie sicher die Daten in den Systemen sind, will ich eigentlich gar nicht so genau stellen: Ein Honeypot mit den Daten vieler Schulen bei einer deutschen Firma oder ein besser gesichertes, amerikanisches System mit lauter Hintertüren oder ein System auf dem eigenen Server, gewartet vom Mathekollegen in seiner Freizeit? Es scheint, die ideale Lösung fehlt hier, vielleicht auch wieder, weil das geschulte Personal fehlt. Was ist sinnvoll? Auch hier ist die Antwort nicht leicht – während ein System ein reines LMS, also Lehr-Lern-Management-System ist, ist das andere eher ein Content-Management-System und das dritte eine Groupware. Eigentlich vergleicht man also ständig Äpfel mit Birnen. Beide enthalten Zucker, aber sie schmecken sehr unterschiedlich. Manche KollegInnen sind so verunsichert, dass sie sich erbost wehren gegen die Zumutung, sich noch in ein weiteres System einarbeiten zu müssen. Auch hier merkt man: Die notwendigen Grundkompetenzen, die über eine „Knöpfchenkunde“ hinausgehen, fehlen nicht nur den SchülerInnen in meinem Informatikkurs, sondern auch den KollegInnen – wie sollten sie diese auch erworben haben? Niemand hat sie je zuvor dazu bewegt, sich mit digitalen Phänomenen, technischen Strukturen oder ähnlichem zu beschäftigen. Und ich möchte klarstellen, dass die betroffenen Lehrkräfte keinesfalls faul sind, wie das manchmal anklingt: Sie sind auf andere Sachen spezialisiert (ich möchte beispielsweise nicht näher zu Legasthenie befragt werden) und haben anderen, nicht weniger guten Unterricht gemacht. Sie sind ein Abbild der Gesellschaft, nicht eine Gruppe, die sich vor einer Verantwortung gedrückt hat, wie manche ihnen vorwerfen. Der Unterschied zwischen Suchzeile und Browsereingabezeile verschwindet in immer mehr Usability, ebenso wie die Notwendigkeit schwindet, IT-Systeme in ihrem Grundaufbau zu verstehen, um sie zu nutzen. Und je mehr das gesamtgesellschaftliche Verständnis dieser Strukturen schwindet, desto schwieriger wird es, in Schule eine umfassende digitale Mündigkeit mit dem dafür notwendigen technischen Grundwissen sowohl bei Lehrenden als auch bei Lernenden zu etablieren.

Einmal im Jahr gestalte ich eine Webinarreihe zum Thema Datenschutz. Auch hier setze ich am Anfang an: Wie ist das Internet aufgebaut? Welche Rechte gelten dort? Was ist der Unterschied zwischen technischer Datensicherheit und Legalität einer Handlung? Die KollegInnen sind meistens sehr dankbar, freuen sich – und sind immer wieder auch geschockt, entsetzt. Wenn Konzerne uns so ausspähen können, warum setzen wir diese Tools dann im Unterricht ein?“, fragte mich 2019 ein Kollege aus der Grundschule. „Gibt es keine Alternativen?“ Doch, denke ich, ziemlich oft gibt es die, aber die brauchen langfristige Finanzierung. Sie müssen geschult werden. Und, vor allem: Sie brauchen eine Lobby. Wer bezahlt Lobbyarbeit für OpenSource Lösungen, die den Datenschutz wahren? Eine Erfolgsgeschichte ist hier beispielsweise das in Hamburg nun flächendeckend eingekaufte Tool „Edkimo“, das von einem Berliner Entwicklerteam so datensparsam erschaffen wurde, dass für nicht registrierte Nutzer*innen nicht mal Serverlogs erfasst werden. Es geht also, und man muss nicht mal so viel Geld hinein versenken, wie das etwa bei Lösungen einiger Bundesländer geschehen ist. (Nun haben diese Lösungen zumeist allerdings auch einen weitaus größeren Funktionsumfang.) Man kann in Schule sinnvoll und wirksam OpenSource einsetzen – aber den Sinn dahinter, warum man überhaupt OpenSource nutzt statt der bequemen, vertrauten Konzernlösung, und die Nutzung verschiedener Tools und Umgebungen erschließt sich den Lehrkräften nicht von alleine. Was sich ihnen aber nicht erschließt, das zeigt meine Praxis, das können sie auch nicht vorleben.

Es ist 13:20 und wir müssen reden - über den Umgang unserer Gesellschaft und unserer Schule mit informatischen Grundkenntnissen, über die Abwägung zwischen Datenschutz und Bequemlichkeit und darüber, welche Werte wir in der Schule durch unser digitales Handeln und unsere Werkzeugauswahl vorleben können und wollen.

In der nächsten Stunde, 13:45, habe ich Deutsch. Die Klasse hat keine Endgeräte und kein WLAN. Im Klassenraum steht ein PC für die Lehrkraft, damit steuert man den Beamer an. Wir haben Beamersysteme und in manchen Räumen auch interaktive Tafeln, bei jeder Konferenz können wir uns wieder darüber Gedanken machen: Braucht eine Bildung von morgen wirklich eine zentrale, interaktive Tafel oder reicht ein Beamer? Ist Frontalunterricht effektiv, um Schüler*innen auf das vorzubereiten, was sie erwartet? Was erwartet uns? Klimakatastrophe, Rechtsruck, Unsicherheit, Überwachung? Oder doch mehr Partizipation durch freien Wissensaustausch, lebenslanges Lernen, Agilität? Es ist sicherlich unsere Verantwortung als Lehrkräfte, aber auch als Gesellschaft im Ganzen, über diese Fragen zu diskutieren. Denn die Digitalisierung der Gesellschaft macht mindestens seit März dieses Jahres auch vor dem Schulsystem nicht Halt – und wir prägen darin, was für eine Art von Gesellschaft wir uns wünschen. Was im kleinen in den Diskussionen auf den Konferenzen immer wieder sichtbar wird – Beamer versus interaktive Tafel, iPad versus Surface, Word versus LibreOffice – birgt im Hintergrund die große Frage nach unserer Zukunftsvision: Gemeinschaftlich, frei und mündig oder überwacht, zentralisiert und angepasst? Sicherlich liegt die Wahrheit hier, wie so oft, auch in der Mitte. Ich empfehle an dieser Stelle den Text des Arbeitsgruppe „Chaos macht Schule“ des Chaos Computer Clubs, in dem gemeinschaftliche Forderungen an die Digitalisierung von Schule gestellt werden. Wesentliche Pfeiler sind etwa die Forderung nach freier Software und reparierbarer Hardware, um Schüler*innen einen Rahmen zu geben, in dem sie frei von Markenprägung und Gewinninteressen ihre digitale Mündigkeit entwickeln können, ohne dabei den Aspekt von Nachhaltigkeit aus den Augen zu verlieren. Auch die von mir schon angesprochenen Aspekte von Finanzierung und Lehrerarbeitszeit werden hier sinnvoll eingegliedert. Wen die didaktischen Aspekte mehr interessieren, sei an den „Routenplaner Digitale Bildung“ oder zur kritischen Betrachtung an die größeren Frameworks wie „Die vier Dimensionen der Bildung“ oder Belshaws „Digital Literacy“ verwiesen.

Für mich macht die Digitalisierung eine kurze Pause, während ich ganz traditionell mit meinen Schüler*innen eine Lyrikanalyse diskutiere – und im Hinterkopf kurz bedauer, dass wir den Text mangels Endgräten nicht gemeinsam annotieren können. Mein Kollege, der mich hospitiert, bewundert in der Nachbesprechung diese Idee. Digital geht eben vieles, was analog nicht geht – aber wir unterrichten immer noch, als seien wir vor 50 oder 100 Jahren stehen geblieben. Das liegt auch daran, dass wir es ja gar nicht anders beigebracht bekommen. Ich bin froh, mein Netzwerk online zu haben, das mich inspiriert, und eine Schulleitung, die uns Zeit für kollegialen Austausch gibt, für Mini-Fortbildungen, aber dennoch: Uns fehlt massiv Zeit, selbst zu lernen. Wenn man derzeit manchen Diskussionen lauscht, ist Präsenzunterricht, bei dem alle an ihrem Platz sitzen, auch sowieso das einzige, was Bildung gewährleisten kann… Aber man kann sich dem Eindruck nicht erwehren, dass hier den Entscheidungsträgern und Diskutierenden die Fantasie fehlt, sich anderen Unterricht zu denken. Manche meiner Schüler*innen wünschen sich derzeit einen neuen Lockdown „damit sie endlich mal wieder in Ruhe lernen können“. Andere haben Angst davor, wieder in Chaos und mangelnder Routine zu versinken, ebenso wie den Kontakt zu ihren Peers zu verlieren. Schule ist eben mehr als Unterricht. Dennoch scheint es mir sinnvoll, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, um über unseren Unterricht als Konzept nachzudenken, statt die Strukturen, die dem Zeitalter der Industrialisierung angepasst sind, ungefragt weiter zu tradieren.

Es ist 15:30 und wir müssen reden - über zeitgemäße Bildung und die Welt, in der wir leben wollen, über nachhaltige Hard- und Software, digitale Mündigkeit und das Lernen unserer Lehrkräfte.

Am besten reden wir bald. Denn mein Arbeitstag endet (vorerst) um 16:45, ich muss meinen Sohn aus dem Kindergarten holen, aber die Entwicklung unserer Gesellschaft stoppt nicht, die Probleme hören nicht einfach auf, und eine bessere Zukunft, eine gute Digitalisierung der Schule, in der wir Teilhabe, Freiheit, Kreativität und tieferes Verständnis erleben können, kann noch von uns gestaltet werden. Mit ihr werden wir auch die Möglichkeit haben, unsere gesamte Gesellschaft zu gestalten. Ich freue mich auf euch im nächsten Gespräch, in einer Jitsi-Konferenz, einem Mumble-Talk oder ähnlichem...

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